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Die Angst vor dem Kreuz - Religion in Nordkorea

Von Lilith Grull
03.07.2012

Laut Bericht der Menschenrechtsorganisation „Open Doors“ 2011, befinden sich mehr als 50.000 Christen in Nordkorea in Gefängnissen oder Umerziehungslagern. Sie wurden auf Grund ihres Glaubens Opfer des dem Regime untergeordneten Rechtssystems Nordkoreas. Zudem berichtet der Sonderbeauftragte der Vereinten Nationen für Menschenrechte in Nordkorea, Marzuki Darusman, von einem „parallelen Justizsystem“. Dieses zweite sieht keinerlei verfahrensrechtliche Garantien bei Anklagen vor und dient einer strikten Kontrolle der nordkoreanischen Bevölkerung. Dieses „parallele Justizsystem“ basiert angeblich auf verschiedenen Normen und Organen. Die haben die Aufgabe, den Pragmatismus der Bevölkerung und des einzelnen Bürgers einzuschätzen und Strafen für mögliches Vergehen einzuleiten. Hierzu zählen zum einen das „Gesetz zur Kontrolle der Staatssicherheit“, zum anderen der „Rechtsauschuss der Genossen“, der als eine Art von auf Ideologien bezogenes Volksgericht fungiert und zuletzt das „Leitungsgremium für das Leben nach sozialistischem Recht“. Hierunter ist eine Inspektion zu verstehen, welche auf verschiedenen Ebenen soziale und wirtschaftliche Verbrechen der nordkoreanischen Staatsbürger und sich im Land aufhaltender Ausländer aufdecken und bestrafen soll. Die Verurteilten werden in die unmenschlichen Arbeitslager geschickt wo sie – angeblich - drakonische Strafen und Torturen erwarten. Politische Dissidenten sind mit ihren Familien oft lebenslang inhaftiert.

Obwohl nach Artikel 68 der nordkoreanischen Verfassung die Religionsfreiheit garantiert wird, soweit sie keine ausländischen Kräfte ins Land bringen und die soziale Ordnung des Landes nicht gefährden, und Artikel 67, ebenfalls mit ähnlicher Beschränkung, die Rede-, Presse-, und Versammlungsfreiheit garantiert wird, kann man von einer wirklichen Umsetzung dieser Rechte kaum sprechen. Trotzdem  betonte und betont die nordkoreanische Führung immer wieder, dass Staat und Religion getrennt seien. Im Jahr 2000 gab Kim Il-Sung gegenüber der UNO an, dass es 40.000 praktizierende religiöse Menschen, sprich 0,2 Prozent der Gesamtbevölkerung Nordkoreas, gibt. Diese sind jedoch folgenden offiziellen, staatlich religiösen Organisationen zuzuordnen: Koreanische Christliche Vereinigung, koreanische buddhistische Vereinigung, koreanischer Verband der Römischen Katholiken und koreanisches Leitungskomitee der Chondokyo Gläubigen. Die Partei entscheidet wer gläubig ist und wer nicht.

Den Großteil der Nordkoreaner machten ursprünglich Buddhisten und Konfuzianisten aus. Ab Ende des 18. Jahrhunderts entstand, durch westliche Missionare, eine christliche Minderheit. Die ersten christlichen Missionare kamen 1785 nach Korea. Damals war die Verbreitung des Christentums noch verboten. Koreanische Christen wurden zunächst durch die Regierung bis zu Einführung der „Geöffneten-Tür“-Politik 1881, verfolgt. Bis dahin betrug die Zahl der Christen lediglich 23.000.

Pjöngjang war bis zur ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts das Zentrum der nordkoreanischen Christen. 1903 sollte die Wonsan-Wiederbelebung das Christentum fördern, doch erst der zweite Versuch 1907 konnte einen wirklichen Erfolg verzeichnen. Um 1945 waren rund 13 Prozent der Bevölkerung Pjöngjangs christlich. Die Stadt wurde „das Jerusalem des Ostens“ genannt.

Im 19. Jahrhundert entstanden aus der Tonghak-Bewegung die synkretischen Cheondogyo, die Religion der „himmlischen Weisen“. Der Tonghak-Aufstand (1893/94) hatte die Intention, Sozialreformen durchzusetzen und Ausländer des Landes zu verweisen. Diese Religion enthält Elemente des Buddhismus, Schamanismus, Konfuzianismus, Daoismus und Katholizismus. Sie betont die göttliche Natur aller Menschen.

Das Regime unter Kim Il-Sung, dessen Mutter interessanter Weise eine hohe Position in einer presbyterianischen Kirche in Pjöngjang inne hatte, verfolgte von Beginn an eine religionsfeindliche Politik. Obwohl in der Kultur des Landes Kinder „automatisch“ in die Religion ihrer Eltern hineingeboren werden und demnach als praktizierende Gläubige der jeweiligen Religion gelten, orientiert sich Kim Il-Sung stark an Marx: mit seiner berühmten Aussage von der Religion als „Opium des Volkes“  (1843/44) hatte der geistige Vater der Philosophie des Marxismus das Ziel verfolgt, Religion im Volk „aussterben“ zu lassen. 

Nach offiziellen Angaben Nordkoreas gab es zwar bis 1945 noch 120.000 Christen, doch deren Zahl verringerte sich bis zum Waffenstillstand des Koreakrieges 1953 auf 10.000.

Konservative Kreise Südkoreas, welche versuchen den christlichen Glauben nach Nordkorea zurückzuführen, sprechen jedoch von 30.000 Christen, welche ihren Glauben im Verborgenen praktizierten. Jedoch beruhen diese Angaben nur auf Vermutungen. 

Die Bedeutung des Buddhismus war nach jahrhundertlanger Unterdrückung durch westliche Besatzungen nach Ende des Zweiten Weltkrieges gegenüber anderen Religionen sehr gering. Hingegen nahmen die neo-konfuzianischen Einflüsse immer mehr zu. Der synkretische Cheondogyo hingegen hatte den Angaben seiner Führer zufolge zum Ende des Zweiten Weltkrieges etwa 3.000.000 Anhänger. Auch der Einfluss des Schamanismus ist wohl nicht abzusehen. Viele seiner Elemente sind in anderen Religionen integriert, zudem sind dessen Werte tief mit der traditionellen koreanischen Kultur verankert. 

Besonders die christlichen und cheondogyosischen Anhänger waren Ziel der Verfolgung des Kim Il-Sung Regimes. Die Religionen wiesen einen hohen Organisationsgrad und durchaus erkennbare politische Ambitionen auf. Durch den Verfolgungsdruck kam zunehmend eine Fluchtbewegung gen Süden auf. Besonders in der Zeit des Koreakriegs verstärkte sich der Fluchtdrang, man schätzt dass zwischen 10 und 14 Prozent der christlichen, buddhistischen und cheondogyonistischen Anhänger flohen. Die Regierung etablierte eine regimetreue christliche Organisation, die Korean Christian Federation(KCF). Diese sollte eine Alternative zu den oppositionellen Protestanten bieten und wohl die Religionsfreiheit symbolisieren. Zwar waren zum Beispiel die Buddhisten von der Verfolgung weniger betroffen, doch wurden auch einige ihrer Besitztümer 1946 bei der Bodenreform eingezogen. Die Glaubensgruppen sollten somit weiter geschwächt werden. Nach und nach wurden religiöse Gruppen immer mehr als „feindlich“ eingestuft. Dies hatte nicht nur negative soziale, sondern auch ökonomische Folgen.

Durch den stetig steigenden Personenkult Kim Il-Sungs gab es immer weniger „konkurrierende Glaubenssysteme“. Die Überwachung der Bevölkerung nahm zu, es gab kaum noch Gotteshäuser.

In den 1960er Jahren wurde diese Chuch’e-Ideologie immer bedeutender und fing an, andere Glaubens- und Wertesysteme zu ersetzen. Zunächst war die Chuch’e-Ideologie eher eine Art Staats-/Staatsführungsideologie, doch entwickelte sie sich nach und nach zu einer umfassenden Kultideologie, welche die Grenze von politischer Beeinflussung zu religiöser Überzeugung eindeutig überschritt. Familie Kim wurden Wundertaten und ausgesprochene Fähigkeiten in allen möglichen Bereichen menschlicher Betätigung zugesprochen. Kim Il-Sung wurde zu einer Art „säkularem Jesus Christen“. Die Chuch’e-Ideologie ist eine „Führertheorie“, sie versteht das koreanische Volk als „sozialpolitischen Organismus“. An seiner Spitze befindet sich ein Führer, das „top brain“. Dieses „top Brain“, hier Kim Il-Sung, duldet neben sich keine „Konkurrenz“. Die Ideologie soll als monolithische Staatsideologie aller Nordkoreaner von der Geburt an als einzige Glaubens- und Werteoption eingebläut werden.

Man kann sagen, dass generell seit dem Zweiten Weltkrieg eine extrem religionsfeindliche Atmosphäre unter den Kim-Regimen herrscht. Es ist für religiöse Menschen sehr schwer, an ihrem Glauben festzuhalten.

Nichtsdestotrotz haben bis zu dem heutigen Tage verschiedene Restformen von Religionen in Nordkorea überdauert. Die ersten Gruppen sind die aus Amtswegen als religiös praktizierenden und registrierten Religionsgemeinschaften der KCF. Insgesamt haben sie etwa 500 „Hauskirchen“, kleine Andachtszentren und zwei Kirchen in Pjöngjang. Eine der Hauptaufgaben dieser ins staatliche System Nordkoreas eingebundenen Institutionen, der ausgewählten Anhänger dieser religiösen Gruppen ist, Beziehungen zu Gruppen gleicher Religion in anderen Staaten zu knüpfen.

Die zweite Gruppe ist die der verschiedenen Religionen. Sie müssen sich ihren Glauben im Untergrund bewahren. Es ist ihnen gelungen, abseits der offiziellen Staatsdoktrin Christentum, Buddhismus und Konfuzianismus, sowie Schamanismus in ausgesprochen geringem Maße zu erhalten. Bedeutenden Zuspruch findet auch die Religion Chondogyo. Die Zahl der Anhänger des Cheondogyoismus beläuft sich „offiziellen“ Angaben zufolge heute auf etwa 15.000. Ihnen stehen etwa 800 Bet-Räume in privaten Appartements zur Verfügung. Damit wäre die stark nationalistisch geprägte Religion, welche zum Beispiel für den Erwerb einer nuklearen Bewaffnung durch Nordkorea und für deren Erhalt plädiert, weiterhin eine der stärksten Religionsgruppen Nordkoreas.

Neben den gesetzlichen Feiertagen gibt es einige Gedenktage, die von örtlichen Behörden zum Feiertag erhoben werden können.

Abgeschafft hat die Regierung die traditionellen Volksfeste.

Zu den gesetzlichen Feiertagen gehört der Geburtstag Kim Il Sungs (15. April), der seines Sohnes Kim Jong Il (16. Februar), der 1. Mai, der Tag der Befreiung (15. August), der Unabhängigkeitstag (9. September), der Tag der Arbeiterpartei (10. Oktober), der Tag der Verfassung (27. Dezember) und Neujahr (1. Januar).

Obwohl Religionsfreiheit in der nordkoreanischen Verfassung festgehalten ist, wird die praktische Ausübung Großteils verhindert. Etwa zwei Drittel der Bevölkerung gehören keiner Glaubensgemeinschaft an. Die Jahrzehnte währende religionsfeindliche Politik hat dazu geführt, dass Religion im umfassenden Sinn an Bedeutung verloren hat. Zwar gibt es in stark eingeschränktem Maße und für bestimmte Personen die Möglichkeit, sie auszuüben. Doch dies kontrollierte religiöses Dasein dient mehr (außen-) politischen Zwecken als der freien Auslebung religiöser Riten. Religions-und Gewissensfreiheit wird in Nordkorea in der Praxis verweigert. Nicht gestattet sind auch freie Meinungsäußerung und friedliche Versammlungen. Jede unangemeldete, selbstständige Zusammenkunft wird als konterrevolutionäre Bewegung gegen den Staat angesehen. Auch selbstständige Gottesdienste fallen unter diese Kategorie.  Selbst Geflohene Augenzeugen berichten von religionsfeindlicher Propaganda. Laut ihnen werden religiöse Aktivitäten verboten bzw. verfolgt. Nur die staatliche Ideologie mit dem mächtigen Personenkult wird gutgeheißen. Bereits zum zehnten Mal in Folge führt das abgeschottete Land die Open-Doors Liste der Länder, in denen Christen am stärksten verfolgt werden an. Afghanistan und Saudi Arabien folgen.

Fazit: Schätzungsweise zwischen 50.000 und 70.000 Christen befinden sich in Arbeitslagern. Inwiefern diese Informationen und Zahlen wahrheitsgetreu sind, kann man, auf Grund der Abschottung des Landes durch die frühere Regierung, schlecht sagen.

Fraglich ist auch, ob nun die neue Staatsführung weiterhin für die eigene Interpretation von Religionsfreiheit plädiert oder den Bürgern endlich wenigstens in diesem Bezug die Chance gibt, sich eine eigene Meinung und Überzeugung zu bilden. Doch ist gilt als eher unwahrscheinlich.


Zusammenfassung der Seite:

Grand Tourisme - Worldwide

Nordkorea, Religion, Kreuz, Angst,