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Flurschäden nach Wulffsjagd -
durchhaltend, dem deutschen Volke

Kommentar von Peter Haisenko
13.01.2012

Obwohl mancher eine Kampagne vermutet, war die Jagd auf den Wulff bestenfalls ganz am Anfang eine gezielte Kampagne. Es ist vielmehr die Dynamik einer Mediengesellschaft, die es den einzelnen Publikationen diktiert, das Geschäft mit schmutziger Wäsche nicht ungenutzt vorüberziehen zu lassen. Sie, die Medien, sind es, die es sich in vollständiger Abhängigkeit des Kapitals nicht erlauben können, auf möglichen Gewinn aus moralischen Gründen oder sogar Überzeugung zu verzichten.  

Das führt dazu, dass einige der Vorwürfe gegen den Bundespräsidenten auf die Jäger in vielfach höherem Maße zutreffen. Es ist ein offenes Geheimnis, dass in Kreisen der Entscheidungsträger zum Beispiel des Springer-Konzerns finanzielle Abhängigkeiten existieren, die im höheren zweistelligen Millionenbereich liegen. Das sind dann diejenigen, die eine mögliche Abhängigkeit des Bundespräsidenten wegen läppischer 500.000 € oder eines günstigen Urlaubs anprangern. Man könnte schon das „St. Florians-Prinzip“ vermuten und die Eigeninitiative der Jäger hinterfragen.  

Herrn Wulff werden Abhängigkeiten oder Stellungsmissbrauch unterstellt, weil er Öffnet internen Link im aktuellen Fenstergünstige Finanzierungskonditionen nicht abgelehnt hat. Wiederum sind es die Jäger selbst, die für sich selbst mit großer Selbstverständlichkeit die gleichen oder noch günstigere Finanzierungskonditionen in Anspruch nehmen. Die Führungsebenen der Bankster und Medienkonzerne gerieren sich unabhängig, obwohl einige von ihnen schon längst ihren Luxus und ihre Macht nur mit dem Wohlwollen der Kreditinstitute aufrechterhalten können.  

Quod lizet Iovi, non lizet bovi! Was Jupiter darf, darf das Rindvieh noch lange nicht! Es ist schon bezeichnend für den Zustand unserer Gesellschaft, wenn dem Bundespräsidenten die Rolle des Rindviechs zugewiesen werden kann. Trotzdem erlaube ich mir, kritische Betrachtungen zur Person Wulff im Zusammenhang mit dem Amt des Bundespräsidenten anzumerken. Sie beziehen sich weniger auf die Person Wulff, als auf die Verkommenheit der politischen und moralischen Kultur der deutschen Gesellschaft.  

Das Gute zuerst: Der gute Deutsche war wohl noch nie so gut informiert über Amt, Funktion und Würde des Amts des Bundespräsidenten. Kein Wunder, laufen doch Abend für Abend auf mehreren Kanälen gleichzeitig Diskussionen, die Vorlesungen an Universitäten in Staatsbürgerkunde mindestens ebenbürtig sind. Deutschland weiß endlich, warum und wofür wir einen Bundespräsident haben.  

Es geht nicht um die Person Wulff, sondern darum, wie die Wahl Wulffs zu Stande gekommen ist. Bereits hierbei ist das Amt beschädigt worden. Wulff musste sein Amt antreten im Bewusstsein, dass er eben nicht Präsident geworden ist, weil er derjenige ist, der für dieses hohe Amt am besten geeignet ist. Er ist Bundespräsident geworden, weil es das System Merkel so wollte.  

Hier liegt der Grundfehler und dieser zieht sich quer durch die gesamte Struktur der Führungsebenen von Politik und Wirtschaft: Von einer bestimmten Ebene aufwärts ist für eine Beförderung nicht mehr die Qualifikation entscheidend, sondern ob man genügend „vernetzt“ ist, berechenbar, steuerbar oder noch schlimmer, erpressbar. Das System Merkel hat sich Wulff nach diesen Kriterien ausgesucht und gleichzeitig einen möglichen Kandidaten für das Kanzleramt ausgeschaltet. Die Wahl Wulffs zum Bundespräsident kann so als Spiegel für den Zustand unserer Gesellschaft gesehen werden. Deutschland hat den Präsidenten, den es verdient.  

Auch durch die ausführlichen Diskussionen haben wir gelernt, welche Eigenschaften ein idealer Bundespräsident haben sollte. Nur wenige treffen auf Herrn Wulff zu. Er muss gewusst haben, dass er sich mit einigen Aktionen in seinem Leben in Bereichen getummelt hat, die nicht unbedingt für den normalen Bürger einer Neidgesellschaft lobenswert sind. Hätte er aus diesen Gründen das Amt abgelehnt, wäre er schon wieder präsidiabel gewesen. Hat er aber nicht.  

Selbst wenn Wulff für sich in Anspruch nehmen könnte, er hätte dieses Amt nur angenommen, weil er unter politischem Druck stand, würde ihn allein diese Tatsache disqualifizieren. Nun, jetzt ist er Präsident und nur er selbst kann sich von dieser Bürde befreien. Allerdings sollte die peinliche Diskussion um seine Person dazu führen, das Verfahren zur Wahl des Bundespräsidenten gründlich zu überarbeiten. Ich plädiere für eine Direktwahl.  

Ähnlich wie die für (amerikanische) Hochzeiten übliche Formulierung, „wer Einwände hat, möge diese jetzt vorbringen, oder für immer schweigen“, sollten die Medien vor, ich betone, vor der Wahl die Gelegenheit haben, die Vergangenheit eines Präsidentschaftskandidaten zu durchleuchten. Nur so kann das Volk entscheiden, ob es die moralische Integrität des künftigen Präsidenten für ausreichend erachtet. Diese Entscheidung wird dem Volk genommen, wenn der Kandidat nach politischen Motiven ausgekungelt wird. Dieses Verfahren ist es, das überhaupt erst die Möglichkeit zu Kampagnen eröffnet.  

Herr Wulff hätte noch eine andere Chance gehabt. Er hätte als Reaktion auf die ersten Vorwürfe „die Hosen runterlassen“ können – und müssen. Alles offenlegen, schonungslos. Das hätte ihm mehr Respekt gebracht, als er bei Amtsantritt genießen durfte. Katastrophal ist sein Verhalten, auf die gezielt scheibchenweisen Enthüllungen genauso scheibchenweise zu reagieren. Damit hat er fahrlässig seine Glaubwürdigkeit in Frage gestellt. Er agiert nicht mehr, wie man es vom Ersten Mann im Staat erwarten darf, er reagiert – und das in mittlerweile peinlicher Qualität. Jeder muss sich fragen, welche Pfeile noch im Köcher der Wulffsjäger stecken.  

Der Ablauf der Wulffsjagd erinnert mich stark an einen Herrn zu Guttenberg. Wir wissen, wie das ausgegangen ist. Offensichtlich sind es dieselben „Berater“, die jetzt Herrn Wulff in seine unangenehme Lage gebracht haben, denn der Ablauf ist nahezu identisch. Hier sind Fragen zu stellen. Bei Herrn zu Guttenberg konnte ich mich zum Schluss des Eindrucks nicht erwehren, dass besonders das System Merkel eine gewisse Genugtuung über das Ende zu Guttenbergs nicht verstecken konnte. Wenn man also davon ausgeht, dass man aus der Causa Guttenberg etwas gelernt hätte, dann wird vollkommen unverständlich, warum Wulff nicht besser beraten worden ist. Was könnte es sein, das es angeraten erscheinen lässt, Herrn Wulff im Amt des Bundespräsidenten noch weiter zu beschädigen?  

Überhaupt die „Berater“. Mal abgesehen davon, dass jeder mittelmäßige Fernsehmoderator über einen größeren Stab an Beratern verfügt als der Bundespräsident, ist das Beratersystem an sich in Frage zu stellen. Natürlich ist es förderlich, eine fremde Meinung in seine Entscheidungsfindung einzubeziehen. Tatsache ist aber, dass sich heute kaum noch jemand traut, Entscheidungen gegen den Rat der anonymen Berater zu treffen. Ich weiß nicht, inwieweit Herr Wulff seinen Beratern gefolgt ist, oder sein Verhalten seinem eigenen Gewissen zuzuschreiben ist.  

So oder so, ein Bundespräsident sollte eigene Entscheidungen treffen. Nach bestem Wissen und Gewissen. Das ist seine Aufgabe. Daraus ergibt sich, dass Herr Wulff so oder so für sein Amt ungeeignet ist. Entweder hat er sich vollständig auf seine Berater verlassen, was ein Bundespräsident nicht tun sollte, oder sein Vorgehen entspricht tatsächlich seinem Charakter.  

Deutschland ist in einer verzwickten Lage. Wir haben einen definitiv beschädigten Bundespräsident. Was tun? Rücktritt? Und dann? Herrn Gauck reanimieren? Lieber nicht! Das System Merkel müsste dann mit einem Bundespräsidenten zurechtkommen, den es als zweite Wahl schon aussortiert hatte. So werden es auch viele einfache Bürger sehen. Der Schaden am Amt des Bundespräsidenten ist nicht wieder gut zu machen. Egal mit welchem neuen Kandidaten, solange er wieder nach ähnlichen Kriterien wie Herr Wulff gekürt wird.  

Die Welt ist im Umbruch. Deutschland kann sich dem nicht entziehen. In nächster Zeit werden fundamentale Systemveränderungen unumgänglich sein. Auch in Deutschland. Bundespräsident Wulff könnte deswegen doch noch als einer der größten Präsidenten in die Geschichte eingehen. Er könnte es sein, der Gesetzen mit seiner Unterschrift Rechtskraft verleiht, die der deutschen Nation – darf man überhaupt von einer solchen sprechen? - zu einer völkerrechtlich einwandfreien Position verhelfen.  

Nur der Bundespräsident kann entscheiden, ob und wann Deutschland endlich eine Verfassung bekommt. Im Rahmen der dafür notwendigen Volksabstimmung könnte auch entschieden werden, ob der Bundespräsident künftig vom Volk direkt gewählt wird, wie es zum Beispiel Österreich tut. Dann wird man auch darüber zu diskutieren haben, welche Vorraussetzungen ein Bundespräsident für sein Amt mitbringen muss.  

Ich empfinde es als peinlich, wenn sich ein Bundespräsident eine „Lehrzeit“ von eineinhalb Jahren zu Gute hält. Das ist immerhin ein Drittel seiner vorgesehenen Amtszeit. Aber auch das ist ein Spiegel der Gesellschaft. Die deutsche Politik leidet zur Zeit unter einer Fülle von Lehrlingen. Da gibt es Minister-innen, die gerade dabei sind, am eigenen Leib zu erproben, wie Familie eigentlich funktioniert – mit einem Ministersalär im Kreuz. Oder die Politklone der „jungen Garde“, die in verwechselbarer Uniformität ihre Parteien vom Wähler so weit entfernen, dass der Bestand der Parteien selbst ernsthaft in Frage gestellt ist.  

Ein deutscher Bundespräsident soll Vorbild sein. Dem Trend des Jugendwahns folgend, darf auch Wulff als (gescheiterter) Versuch gesehen werden, Erfahrung, Wissen und Integrität durch ein jugendliches Erscheinungsbild zu ersetzen. So, wie ältere Arbeitnehmer von den internationalen Konzernen aussortiert werden, folgt auch die Politik diesem zerstörerischen Vorbild. Meine Forderungen an die Person eines künftigen Bundespräsidenten sind folgende:  

Der Kandidat sollte bereits eine respektable Lebensleistung hinter sich haben. Er sollte dieses Amt als Bonus für sein Leben ansehen können, den er eigentlich nicht mehr benötigt. Er sollte ein Alter haben, das ihm genügend Lebenserfahrung, Unabhängigkeit und Abgeklärtheit garantiert und für den Rest seines Lebens ausschließt, weitere Einkommensquellen erschließen zu wollen, wie es für „normale“ Politiker üblich ist. Mit einem Ruhegehalt von 199.000 € plus Büro etc. sollte ausgeschlossen sein, dass er zum Beispiel Aufsichtsratsposten bei Gaskonzernen anstrebt, weil er weiß, dass sein Amt definitiv die Krönung seines Lebenswerks gewesen sein wird.  

Er sollte vor der Wahl keiner Partei angehören. Er sollte ein Mensch sein, der wirklich uneingeschränkte Achtung verdient hat. Er sollte ein guter Mensch mit unabhängigem Urteilsvermögen sein. All das schließt eigentlich jeden Kandidaten aus, der jünger als 60 ist. Ich bin mir sicher, dass es in Deutschland viele Menschen gibt, die solch hohen Anforderungen genügen. Allerdings glaube ich, dass diese Kandidaten nur schwerlich in den Reihen der Politiker oder den Führungsebenen der internationalen Konzerne zu finden sein werden.  

Ich ermuntere unseren Bundespräsidenten, im Amt zu bleiben. Der Schaden ist bereits da und auch eine Neuwahl kann ihn nicht beseitigen, solange das Prozedere nicht grundlegend geändert wird. Ist der Ruf erst ruiniert, lebt sich´s völlig ungeniert – sagt der Volksmund. Diesen Status hat Herr Wulff erreicht und könnte ihn jetzt nutzen, wirklich zukunftsweisende Diskussionen anzuregen und anzuführen, wie es seine Aufgabe ist. Nach bestem Wissen und Gewissen.  

Ich stelle die Unabhängigkeit der Medien in Frage. Zu sehr wird die Themenauswahl selektiert nach Maßstäben, die bestimmte Zielrichtungen vermuten lassen. Wie schon erwähnt, sind auch die deutschen Medien abhängig vom Wohlwollen des angelsächsischen Kapitals. Schon allein aus diesem Grund steht für mich die Frage im Raum, warum gerade jetzt die Diskussion um den Bundespräsidenten so am Kochen gehalten wird.  

Kann es das Ziel sein, die Handlungsfähigkeit Deutschlands maximal zu behindern? Die Entscheidungsfreiheit Deutschlands einzuschränken? Das alles im Hinblick darauf, dass Deutschland, ob es will oder nicht, die führende Rolle spielen muss, wenn es um Wirtschaftsfragen oder Angriffspläne gegen arabische Staaten geht.  

Der Dollarraum hat größtes Interesse daran, ein instabiles Deutschland daran zu hindern, eigene Interessen über das der Siegermächte zu stellen. Deutschland soll ein williger Vasall des angloamerikanischen Kapitals bleiben. Haben Herr Wulff und Frau Merkel diesen Zustand in Frage gestellt? Das wäre ein Motiv, den Bundespräsidenten zu beschädigen und mit ihm die Kanzlerin. In diesem Sinn, Herr Wulff, halten Sie durch und handeln Sie nur so, wie Sie es mit Ihrem Gewissen vereinbaren können. Handeln Sie zum Wohl Deutschlands und vergessen Sie nicht, dass es nicht auszuschließen ist, dass auch ein Bundespräsident irgendwann einmal vor einem noch höheren Richter stehen könnte.  

… unjournalistisch peinlich – Wulffsjagd – upgegradet …

14.01.2012
Peter Haisenko im Cockpit der Condor DC 10 (1999)

Peter Haisenko persifliert das Phänomen, plaudert aus seinen Erfahrungen als Flugkapitän und Zeitkritiker

Jetzt wird es peinlich! Nicht für den Bundespräsidenten, sondern für BILD & Co.! Mit süffisantem Lächeln hat Springer-Vorstand Döpfner verkündet, BILD werde den nächsten Pfeil auf Wulff abschießen. Es ist der 13. Januar, Freitag überdies, der Musikwissenschaftler ergeht sich in launig zitierten Dissonanzen: Offensichtlich euphorisch geworden ob all der Journalisten, die sich plötzlich so unkritisch an die BILD hängen, wagt sich der Drahtzieher aus dem 19. Stockwerk der Konzernzentrale an der einstigen Kochstraße selbst mehr und mehr vor die Kameras. Jahresempfang, „Heute“-Nachrichten, kleine Statements zwischendurch … Döpfner macht’s – Journalisten zitieren‘s. (Dass ein Laternenpfahl vor allem ganz unten von Fliegen umschwirrt wird, ist nur eine der Analogien, die mir dazu grad einfällt.) Und ich frage mich: Merkt der noch was? Mit diesem Pfeil kann doch selbst ein Zweimeterignorant nur sich selbst in die Füße schießen: Es geht um „Upgradings“.  

Damit kenne ich mich aus: 30 Jahre habe ich als Flugkapitän meinen Dienst bei der Lufthansa verrichtet. Weltweit habe ich ungezählte Prominente, Politiker und Wirtschaftsbosse in der Intimität des abgeschlossenen Raums eines Langstreckenfluges beobachtet. Das hat mein Weltbild mitgemalt. Ich wurde mit menschlichem Fehlverhalten ebenso wie mit ausgesprochenen Highlights des Savoir vivre konfrontiert. Also plaudere ich heute einmal aus dem Nähkästchen …  

Zum Grundsatz: Jede Airline kann Upgradings vergeben, wann immer sie will. Als Bevollmächtigter seiner Airline kann das auch der Kapitän eines Flugzeugs, manchmal muss er das sogar tun – aus „Trimmgründen“. (Upgrading ist übrigens, wenn man einen Platz bekommt, der besser ist als derjenige, für den man bezahlt hat. Upgradings sind ein Geschenk, können aber auch gegen Geld oder Bonusmeilen gekauft werden. „Unvolontary“ Upgradings, also kostenfreie, geschehen jeden Tag weltweit vielfach und wenn es einen mal selbst trifft, darf man sich einfach freuen.)

Ich kann Ihnen auch sagen, für wen ein Upgrading niemals in Frage kommt: Alle, die nicht adäquat gekleidet sind oder die durch ihr Verhalten als nicht tauglich für Business oder erste Klasse sind. Es kommt schon mal vor, dass an Bord ein Upgrading vorgenommen wird, weil der Passagier einem Mitglied der Crew besonders sympathisch ist. Das ist aber heute eher ungewöhnlich. Selbstverständlich war es so, dass meine Frau, wenn sie mich auf einem Flug begleitete, mit ihrem Eco-Ticket meist in der ersten Klasse saß.  

Nun zu zwei Beispielen mit prominenten Politikern: Ich beginne mit Helmut Schmidt. Der allseits hochgeschätzte Altbundeskanzler – so will er gar nicht genannt werden, obwohl er mittlerweile ja alt genug ist – wurde uns als Passagier avisiert. Das war Ende der 70er Jahre und der Flug sollte von Budapest nach Frankfurt gehen. Mein Purser, ein echter Schmidt-Fan, machte den Vorschlag, Herrn Schmidt, gebucht und bezahlt in der Holzklasse, einen freien Platz in der ersten Klasse anzubieten. Selbstverständlich gab es keine Einwände, einem verdienten Fluggast eine freundliche Aufmerksamkeit und demonstrative Wertschätzung zu gewähren.  

Helmut Schmidt kam vom Vorfeld über die Treppe zum vorderen Eingang und mein Purser begrüßte ihn angemessen. Die Einladung in die erste Klasse nahm Herr Schmidt mit großer Selbstverständlichkeit an, griff sich eine Ausgabe der „WELT“ und setze sich auf den Platz am Fenster der ersten Klasse. Was wir nicht wussten war, dass Schmidts Frau Loki auch an Bord kommen sollte. Wir waren bass erstaunt, wie wir beobachten mussten, dass Helmut Schmidt seine Loki einfach auf den gebuchten Platz in der Eco marschieren ließ. Der Platz neben Schmidt blieb frei. Uns war das unendlich peinlich. Selbstverständlich hätte die Einladung zum Upgrade auch für Schmidts Frau gegolten und es hätte nur des Hinweises bedürft, dass Herr Schmidt nicht allein reist. Jeder Begleiter des Altbundeskanzlers hätte von uns dieselbe Aufmerksamkeit erfahren.  

Nun das Gegenteil: Franz Josef Strauß war einer der beliebtesten Politiker an Bord unserer Flugzeuge. Er war stets von erlesener Freundlichkeit und bestem Benehmen. Zumindest für einen seiner Söhne gilt das nicht. Ende der 80er Jahre war ein Strauß-Sohn auf dem Flug von Bangkok nach Frankfurt, bezahlt und gebucht auf einem billigen Platz. Etwa eine Stunde nach dem Start bemerkte ich, dass mein Purser (das ist der Chef der Kabinencrew) Probleme mit einem Passagier hat. Ich stellte mich dazu, um meinem Purser beistehen zu können.  

Der große, bullige Junior bestand darauf, einen Platz in der ersten Klasse zu bekommen, weil er mit seinem Format nicht in den engen Stühlen hinten sitzen könnte - und weil er eben er sei. Das Angebot, regulär einen Aufpreis für die bequemere Beförderung zu leisten, lehnte Junior empört ab und wurde immer lauter. Es bedurfte meines Eingreifens und der massiven Drohung, eine Zwischenlandung in Dakka auf seine Kosten einzulegen (etwa 100.000 DM) und ihn dort auszuladen, um ihn zur Raison zu bringen. Er klemmte sich murrend in den Sitz, den er bezahlt hatte.  

Ich könnte viele Geschichten von Bord erzählen, die auch Ihre Einschätzung mancher Politiker ändern würde – positiv wie negativ. Allseits geschätzte Schauspieler oder Entertainer haben ihr wahres Gesicht an Bord gezeigt und manches erschien danach nur noch als hässliche Fratze.  

Unangenehm allerdings fiel vor allem und immer wieder eine gewisse Klientel auf: Es waren Journalisten, die „unauffällig“ ihren Presseausweis sichtbar machten – oft um ein Upgrading geradezu bettelten.  

Ich empfinde es unangemessen, egal wen dafür zu kritisieren, wenn er eine freundliche Aufmerksamkeit und Wertschätzung annimmt. Ist es der Neid, auf den hier abgezielt wird, der es verwerflich erscheinen lassen soll, wenn ein freundlicher und zivilisierter Politiker eine freundliche Geste der Wertschätzung annimmt? Würde nicht jeder seinem Ministerpräsidenten – wenn er ihn mag – einen guten Platz in seinem Auto anbieten? Und wäre er nicht enttäuscht, wenn dieses Angebot abgelehnt würde?  

Nach meinen Erfahrungen darf man davon ausgehen, dass gerade die Häuptlinge der Medien in Mehrzahl schon Upgradings angenommen haben. Es kann natürlich sein, dass ausgerechnet den Springer-Chefs dieses Glück nicht widerfahren ist; die BILD-Zeitung genießt in Kreisen der Lufthansa-Crews – soweit ich mich erinnere - nicht die höchste Wertschätzung. Könnte es also sein, dass die neueste Attacke von Springers Döpfner gegen den Bundespräsidenten von Neid motiviert ist?  

Nun, das wäre die freundlichere Vermutung.

So, wie es jetzt aussieht, drängt sich mir der Verdacht auf, dass die Spitze des Konzerns, der einstmals von einem der größten, deutschen Journalisten gegründet und geleitet worden ist, tatsächlich das Ziel hat, solange im Dreck zu wühlen, bis Wulff aus dem Amt getrieben worden ist. Wenn das wirklich so wäre, dann hätten die heutigen Springer-Lenker die Pressefreiheit allerdings falsch verstanden. Es kann nicht Bestandteil der Pressefreiheit sein, mit der Macht der Medien demokratisch gewählte Volksvertreter zunächst mit der Flex der scheibchenweisen Veröffentlichung zu zerlegen, um die Fragmente hernach aus dem Amt zu jagen.  

Es ist sicher richtig und notwendig, dass die Presse Verfehlungen nicht nur von Politikern aufdeckt.

Nicht nur als Kenner der Luftfahrt und ihrer Szene empfinde ich es als schäbig, jemanden dafür abzustrafen, dass er einer freundlichen Einladung ohne weitere Hintergedanken gefolgt ist. Meine Herren Kollegen Journalisten, wer frei von Tadel ist, schreibe die erste Schmähschrift. Nur demjenigen, der schon einmal ein Upgrade abgelehnt hat gestehe ich zu, den Stab über den Bundespräsidenten in dieser Hinsicht zu brechen.  

Allen anderen sage ich: Machen Sie sich nicht lächerlich mit Vorwürfen, die in ihrer Banalität Ihre eigenen, wahren Ziele enthüllten: Die des Oberspringers Freitags-„Gebete“ zur Wende in der Auffassung von Rechtmäßigkeit einer Journalistenschelte sichtbar zu machen.

Laterne ganz unten – liebe Journalistenkollegen, wollen Sie wirklich gerade dort spielen?


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Zusammenfassung der Seite:

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