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Öffnet internen Link im aktuellen FensterGrundsätzliche Überlegungen zur Produktivität von Arbeit und daraus entstehendem Wohlstand

 

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Luis

Von Rena Larf
09.11.2010

Menschen können sich nicht ändern?

Wandel ist eine Tür, die nur von innen geöffnet werden kann.“ (aus Frankreich)

 

Etwas war verkehrt an diesem Begräbnis.

So schön die Grabgestecke auch waren, die Trost und Anteilnahme ausdrücken sollten.

Sie spielten “Who wants to live forever“ von Queen. Keine Ahnung, ob er es sich gewünscht hatte, aber sie wusste, es war sein Lieblingslied gewesen.

Ihr Hals schnürte sich zusammen, dass sie kaum atmen konnte. Eine einzelne Träne löste sich und lief über ihre Wange. Das offene Grab mit dieser Tiefe erschreckte sie.

Die schwarz und düster gekleideten Trauergäste, deren Schluchzen wie eine Abschiedsglocke über der Ruhestätte hing, kamen ihr vor wie krächzende Raben.

Dann warf sie die Rose in das Grab. In sein Grab. Sie stand noch einen Moment still da und wurde von allen angestarrt, - nur einige Augenblicke, dann verblasste alles um sie herum und sie hatte das Gefühl zu schweben.

Etwas war verkehrt an diesem Begräbnis. Es war zu früh…

 

19 Jahre vorher


„Ab zum großen Finale!“, rief Luis über den Schulflur und wirbelte den wallenden Rock von Sabrina durch die Luft bis ihr knappes, weißes Höschen hervorblitzte. Es fehlte nicht viel und sie hätte ihn mit ihrer Umhängetasche noch erwischt.

„Luis… Finger weg!“, schrie sie ihm lachend hinterher und strich ihren Rock unter den tadelnden Augen ihrer Eltern glatt. Luis war eben der Klassenkasper und würde es immer bleiben. Wie er es nur geschafft hatte, das Abitur zu kriegen, würde wohl immer ein Rätsel für sie bleiben.

Aber es war schön, dass er es vollbracht hatte. Sabrina lächelte ihm hinterher.

Noch vor gar nicht langer Zeit sah es so aus, dass Luis die Schule verlassen musste.

Er war der einzige Sohn auf dem Hof und er musste bei der Ernte helfen, sich um die Schweine kümmern und mit handwerklichem Geschick bei Instandhaltungen helfen. Es war niemals vorgesehen gewesen, dass er bis zum Abitur auf der Schule bleiben sollte.

Der kleine Hof war kaum zu halten. Geldsorgen plagten seinen Vater, der nach dem frühen Tod seiner Frau nicht nur Luis sondern auch noch seine drei kleineren Schwestern durchbringen musste.


Es war ein schöner und ehrwürdiger Moment als sie ihr Abiturzeugnis in der Aula des Gymnasiums überreicht bekamen. Der Vater von Elisabeth, ihres Zeichens Klassenbeste, hantierte mit seiner schweren, klobigen Videokamera auf der Bühne herum, um ja jeden Moment dieses historischen Ereignisses festzuhalten.

Alle hatten sich schick gemacht. Die Mädchen trugen Strumpfhosen und die Jungs Anzüge, obwohl sich alle eigentlich in Jeans am wohlsten fühlten. Dann wurde sich verabschiedet vom Hausmeister, vom Rektor, von dem und von dem, vielen Dank und so was, blabla, Lobreden halt auf etwas was unwiederbringlich vorbei war. Und dann Tanzen, Essen, Party.



Luis und seine Freunde Peter und Horst führten zu späterer Stunde einen Can-Can in Petticoats vor. Sie landeten mit hochgerissenen Beinen im wilden Galopp zwischen Stühlen und Tischen in der ersten Reihe. Dabei ging die Videokamera von Elizabeths Vater zu Bruch und es gab ein großes Tohuwabohu.

Fünfzehn Minuten später fand sich Sabrina mit Luis hinter der Turnhalle knutschend in einem Gebüsch wieder.

„Du biss imma meine Härzdame“, lallte Luis.

Es war verflucht kalt und das im Mai. Sabrina zitterte ihm entgegen und Luis fing an zu grölen: “Who wants to live forever….“


Irgendwann mal, so vor neun Jahren als sie zum zehnjährigen Klassentreffen in ihre Heimatstadt zurück gefahren war, hatten sie wieder in diesem Gebüsch hinter der Turnhalle gesessen und Luis hatte ihr erzählt, dass dieser Tag im Mai 1986 der glücklichste in seinem Leben gewesen war.

Viel war seitdem passiert. Das Gebüsch war gewachsen. Den Hof gab es nicht mehr.

Es hieß, Luis hätte Alkoholprobleme.

Seine Familie war in alle Winde zerstreut.

Sabrina wollte eigentlich gar nicht hinfahren.

Sie hatte gemischte Gefühle, was dieses Wiedersehen mit alten Klassenkameraden anging. Besonders mit Luis. Irgendwie war es ja schon so wie in der Werbung: mein Haus, mein Auto, mein Pool, mein Ecetera. Immerhin fuhr sie immer noch den alten VW Golf von damals, auf dessen Rücksitzen sie es wild getrieben hatten.

Aber Luis war immer noch der fröhliche, herzensgute und unbekümmerte Mensch von früher.

Ihm war nicht wichtig, was man hatte, für ihn zählten andere Werte wie Vertrauen, Freundschaft und Liebe. Obwohl sie sich zehn Jahre nicht gesehen hatten, stellten sie fest, dass die lange gemeinsame Zeit sie irgendwie geprägt hatte und es dauerte nur wenige Minuten und die alte Vertrautheit war wieder da. Sie sprachen sich aus über vertrackte Beziehungen und den Frust des Älterwerdens, den sie strikt von sich wiesen. Sie hechelten ehemalige Schulfreunde durch, von denen einige verheiratet oder gar andere geschieden oder schon tot waren.

Und Luis erzählte ihr, wie glücklich er damals gewesen war.

Seine Ehe mit einer Bauerntochter aus der Umgebung war nach dreieinhalb Jahren gescheitert und er hatte angefangen zu trinken.

Er hatte versucht eine kaufmännische Lehre in der neuen Filiale der großen Ladenkette anzufangen. Nach einem Jahr war er nicht mehr tragbar, weil er schon morgens mit einem Flachmann erwischt worden war.

Trotzdem funkelten seine ernsten dunklen Augen wie früher, wenn er ganz dicht an Sabrinas Mund gewesen war und sie mit dieser Leidenschaft geküsst hatte, die sie seit damals nie wieder erleben durfte.

Nach dem Klassentreffen hatte Luis ihr angeboten, bei ihm zu übernachten.

Die Wohnung sah schlimm aus. Dreckig und verwohnt.

Überall lagen leere Flaschen hochprozentigen Alkohols herum. Seltsam geschmeidig raffte Luis ein paar schmutzige Klamotten zusammen und bot ihr einen Platz auf dem fleckigen Sofa an, nachdem er ein paar Chipskrümel weggewischt hatte.

Sabrina spürte ein leichtes Unwohlsein in sich aufsteigen.

Sie war froh, als er schlafen ging. Aus dem Schlafzimmer drang laut sein Schnarchen in ihr Ohr. Als sie wach wurde, hatte sie einen fahlen Geschmack im Mund.

Luis saß vor ihr und hatte sie offensichtlich im Schlaf beobachtet.

Und mit einer ungeheuer klaren Stimme sagte er: „ Du siehst so süß aus, wenn du schläfst.“


Sabrina lächelte. Sie streichelte ihm über die Wange, ließ ihre liebevolle Geste in seinem dunklen, leicht gelockten Haar enden.

Danach liebten sie sich.


2001 schließlich schaffte sie es nur knapp zum fünfzehnjährigen Klassentreffen der Abiturienten von 1986.

Sie war mittlerweile für ein großes IT-Unternehmen weltweit unterwegs. Den alten Golf hatte sie schon lange gegen einen spritzigen Mazda MX5 eingetauscht.

Luis hatte sie seit vier Jahren nicht mehr wieder gesehen. Jeder war in seine Welt zurückgekehrt. Sabrina in die einer aufstrebenden Managerin und Luis zu seinen Flaschen und seiner Alkoholsucht. Ein Jahr lang hatte sie versucht, ihm zu helfen. Hatte ihm eine ordentliche Unterkunft besorgt und ihn dazu gebracht, zu den anonymen Alkoholikern zu gehen.

In klaren Momenten waren sie ein fast normales Paar.

Sie liebten sich, lachten, sprachen sogar über eine gemeinsame Zukunft, wenn es ihm besser gehen würde. Bis er rückfällig wurde und Sabrina schlug, nachdem sie den letzten Rest Alkohol in die Spüle gekippt hatte.

Er warf ihr vor, nie da zu sein und bis heute trug sie dieses Schuldgefühl mit sich herum.

Bis zu diesem Begräbnis!

Was hätte sie alles tun können für ihn, wenn sie die Zeit dazu gehabt habt hätte.

Aber damals zählte ihre Karriere mehr als er.


Sabrina schlug die Augen auf.

"Who wants to live forever" dudelte immer noch vor sich hin.

Wie makaber sich diese Beerdigung gestaltete.

Nun fing es auch noch wie auf Knopfdruck an zu regnen.

Und Sabrina weinte und weinte, völlig hemmungslos, bis ihre Wimperntusche ganz verschmiert war. Sie konnte nicht anders, der Schmerz war so tief. Sie wurde ganz in ihn hineingezogen, hatte das Gefühl, sich in ihm zu verlieren.

"Wein ruhig. Es hilft. Gib dem Schmerz seine Zeit." Eine schmale, gepflegte Hand reichte ihr ein Taschentuch, und sie wischte sich die Tränen vom Gesicht.

"Er ist zu früh gestorben... viel zu früh!", schluchzte Sabrina.

"Ja, " sagte die Stimme. " Wenn er seinen Sicherheitsgurt angelegt hätte, könnte er noch leben. Das ist eine verdammt gefährliche Kurve."

Sabrina hob erstaunt den Kopf. Sie hätte ihn nicht wieder erkannt, wenn sie nicht gewusst hätte, wer er war. Er hatte schöne lange dunkle Haare, die gepflegt weit über den Nacken fielen.

Er sah blendend aus und der dunkle Anzug saß tadellos.

Sabrinas Blick fiel auf feinste, italienische Halbschuhe, die jetzt in einer Modderpfütze auf dem Friedhof standen.

Sie hob den Blick, erschauderte und öffnete leicht ihre Lippen.

Aber in diesem Moment spürte sie seinen Zeigefinger bereits an ihrem Mund.

"Pssst, Sabrina."

Sie glitt in seine warmen, weichen Arme.

"Ich weiß noch ganz genau, wann Horst und ich dieses Lied zum letzten Mal gehört haben. Es war auf unserem letzten Klassentreffen."

Sabrina nickte. "Ja, ich weiß, Luis..."

 


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