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Obama, BP und die Schande der Macht
BP hat die größte Ölpest der Geschichte zu verantworten. Noch ist völlig unklar, wie groß das Ausmaß der Umweltschäden sein wird. Längst allerdings ist klar, dass die Katastrophe nicht auf den Golf von Mexiko beschränkt bleiben wird. Berechnungen kursieren, wann Öl - vom Golfstrom getragen - die Küsten von Sylt in einen pappigen, stinkenden Friedhof verwandeln. Fachleute befürchten, dass im Golf von Mexiko in den nächsten Jahren überhaupt kein Leben mehr zu finden sein wird. Hilflos schaut die Welt zu und Barack Obama als Präsident des Landes, das zuerst – ganz sicher nicht als einziges – zu großem Schaden kommt, ist zu Recht wütend. Er möchte den Verantwortlichen „in den Arsch treten“, wie er sagt. Damit drückt er sich noch zurückhaltend aus. Millionen Menschen rund um die Erde möchten viel mehr.
BP reagiert – mit Millionen für Imagekampagnen. Damit kann der Ölmulti allerdings nicht übertünchen, was für ein jämmerliches Bild seine dilettantischen Bemühungen zur Eindämmung der Katastrophe abgeben.
BP, der Stolz der englischen Wirtschaft, steht im Zentrum der weltweiten Kritik. Dass er als Übernahmekandidat gehandelt wird, scheint dabei noch eine der geringsten „Strafen“ für diese Form des Britischen Patronats für einen globalen Umweltfrevel in nie gekannten Ausmaßen.
Doch in England wächst vor allem die Wut auf Barack Obama. Nicht etwa, dass die ganze Nation um Schadensminderung bemüht wäre, indem sie Hilfe für die Region vor der amerikanischen Südküste schickte. Nein, im Gegenteil, weil des amerikanischen Präsidenten klare Worte über Verantwortlichkeiten und Regress den Aktienwert von BP dezimiert haben, fühlt man sich „beschädigt“ – Ursache und Wirkung werden vertauscht und die Welt zum Schuldigen am Verfall des nationalen Stolzes BP gemacht. Es ist sogar die Rede von „Tausenden armen, englischen Kleinaktionären“, die mit dem Wertverfall der BP-Aktie ihren Altersversorgungsplan in ernster Gefahr sehen. Was für ein Zynismus.
Verdrehte Welt, weil England die Welt verdreht
In England herrscht eine für alle Menschen rund um den Globus vollkommen unverständliche und abwegige Stimmung: Man ist wütend auf den Rest der Welt, weil allenthalben und völlig zu Recht auf die Versäumnisse des BP-Konzerns verwiesen wird, die durch die von Gier getriebene Gewinnmaximierung entstanden sind. Richtig wäre es natürlich, wenn sich England zerknirscht zeigen und die Völker der Erde um Verzeihung bitten würde für den unwiederbringlichen Schaden, den sein „Flaggschiff“ im Golf von Mexiko angerichtet hat. Doch es passiert das Gegenteil: Am 12. Juni telefoniert Obama mit dem neuen britischen Premier Cameron und findet dabei Worte, die einer Entschuldigung für die eigene, amerikanische Kritik an BP gleichkommen.
Wie ein geprügelter Hund legt sich der US-Präsident dem Britischen Premier Cameron zu Füßen und betont seine Loyalität zum exklusiven Britisch-Amerikanischen Verhältnis. Und Obama legt noch einen drauf: Sowohl das Ansehen als auch der Bestand des BP-Konzerns dürfe nicht in Frage gestellt sein, erdreistet er sich zu versichern. Wäre ich Amerikaner, ich würde mich schämen für diesen Frevel meines Präsidenten.
Mit dem Telefonat sind allerdings endgültig sämtliche Vorstellungen von Anstand und Moral der Macht auf den Kopf gestellt worden. Nicht nur das, vielmehr stellt sich die Frage, was den Präsident des mächtigsten Landes der Welt dazu veranlassen kann, eine derart devote Haltung gegenüber dem kleinen Inselstaat im Nordatlantik einzunehmen. Wer hat die Macht, eine derartige Relativierung berechtigter Kritik zu veranlassen?
Ja, weiter: Wer regiert eigentlich in den USA? Obama, der von den Amerikanern gewählte Präsident der USA? Oder doch die Ölkonzerne und ihr Geld?
Ganz vorsichtig wird mittlerweile angeregt, dass BP seine Dividendenzahlungen zurückstellt, bis einigermaßen absehbar wird, welches Ausmaß die Schadenersatzzahlungen erreichen könnten. Wenn man vergleicht, mit welcher Nonchalance und Geschwindigkeit Konten von missliebigen (Schurken-) Staaten eingefroren oder beschlagnahmt werden, dann muss man sich an dieser Stelle wirklich fragen, warum in diesem brennenden Fall nicht ähnliche Mittel angewendet werden. Es müsste doch im Interesse von mehr als „nur“ den US-Südstaaten-Fischern unbedingt verhindert werden, dass der BP-Konzern seine schwindenden Finanz-Mittel bei Seite schafft und sich anschließend wegen Zahlungsunfähigkeit aus seiner Verantwortung stiehlt.
Gefahr in Verzug
Hier ist eindeutig Gefahr im Verzug, denn BP ist aufgrund seiner Größe „systemrelevant“ und würde – nicht anders als die Banken – mit Steuermitteln vor dem Ruin bewahrt werden. Dann zahlen wir wieder alle gemeinsam dafür, dass die Gier in diesem Fall der Öl-Manager ihren Gewinn vor das gesamte restliche Leben auf unserem Planeten stellt.
Man stelle sich vor, es wäre ein deutsches Schiff gewesen, das vor der Küste Großbritanniens havariert und einige Kilometer Strand mit Öl verseucht hätte. Der britische Premier würde sich mit Sicherheit nicht in einem Telefonat bei Frau Merkel für seine Kritik an der Fahrlässigkeit des deutschen Reeders entschuldigen.
Barack Obama aber tut genau das. Das ist bei Gott eine Schande.
Der korrekte Vorgang hätte ganz anders laufen müssen: Obama bestellt den britischen Premier Cameron zum Rapport nach Washington ein und fordert ultimativ, alles zu tun, um der staatlichen Verantwortung für ein solches Unternehmen wie BP gerecht zu werden. Und jener müsste sich rückwärts, auf Knien rutschend (das war die übliche Fortbewegungsart eines indischen Lakaien gegenüber seinem vorgesetzten Beamten des British Empire), dem US-Präsidenten nähern und die Schelte entgegennehmen. Anschließend müsste er dazu verdonnert werden, alles der Nation Mögliche zu unternehmen, BP an die Kandare zu nehmen und die verursachten Schäden wieder gut zu machen. Selbstverständlich dürfte er auf keinen Fall entlassen werden, ohne vorher eine milliardenschwere Sicherheitsleistung hinterlegt zu haben. Denn Fahrlässigkeit ist das Mindeste, was BP vorgeworfen werden muss.
Selbstverständlich liegt ein Teil der Verantwortung auch bei der (ehemaligen) Bush-Regierung, die dank ihrer Verflechtung mit der Ölindustrie Bohrgenehmigungen erteilt hat, ohne ihrer Sorgfaltspflicht bei der Prüfung Genüge getan zu haben. Das entlastet BP aber nur geringfügig, weil BP von sich aus um die Gefahren von Tiefseebohrungen weiß.
Allen Verantwortlichen war somit hinreichend bekannt, dass die im Golf von Mexiko verwendeten Sicherheitsvorkehrungen für verantwortlich Handelnde als unzuverlässig gelten mussten – nicht zuletzt, weil sie auch in der Vergangenheit schon versagt haben. Dennoch hat man darauf verzichtet, teurere, dafür aber bessere Technik einzusetzen, obwohl diese zur Verfügung steht. Jetzt hat sich gezeigt, dass die Kaufleute – die Manager – mit ihrer Gier nach maximalem Profit ohne Rücksicht nicht nur im Hinblick auf die Umwelt unverantwortlich gehandelt haben. Der Bestand des ganzen Konzerns steht auf dem Spiel, weil die Folgekosten der Katastrophe alles bislang Bekannte übersteigen.
Den Kotau Obamas vor Cameron empfinde ich als unerträglich. Ebenso unerträglich empfinde ich aber auch die Haltung der englischen öffentlichen Meinung. Mit so offensiv-egoistischer Arroganz wie ansonsten selten zuvor gilt das Hauptaugenmerk dem wirtschaftlichen Wohlergehen der Insel. Millionenfacher, qualvoller Tod und Verderben im Golf von Mexiko, millionenfaches Elend entlang der atlantischen Küsten sind für die englischen Aktionäre nicht einmal eine Bitte um Verzeihung und entsprechenden Einsatz wert.
Der Kotau Obamas gegenüber Cameron ist eine Schande für die USA
Das ist unverzeihlich, auch wenn die Haltung der englischen Politik nicht neu ist. Sie zieht sich durch die Dekaden und Centennien des British Empire, das seine Kolonien nie anders ausgebeutet hat. So sind in den indischen Besitztümern der englischen Krone über die Jahrhunderte mehr als 60 Millionen Inder den Hungertod gestorben, während zeitgleich die Lebensmittelexporte nach England in unverminderter Höhe aufrechterhalten worden sind. Noch Anfang des 20. Jahrhunderts hat England Tod und Verderben über unschuldige Menschen gebracht, um Gold und Ölvorkommen in der ganzen Welt für den Luxus seiner Oberschicht zu sichern.
Die ganze Welt und besonders Amerika sehen nun mit hilfloser Empörung auf die von einem englischen Konzern verursachte Katastrophe im Golf von Mexiko. Und leider stellt niemand die Frage: Wer kann die Macht haben, in dieser Situation den amerikanischen Präsidenten zu einer derart devoten Haltung gegenüber England zu bewegen? Obama weiß, dass dieses Telefonat mit Cameron vom 12. Juni 2010 seiner Popularität sehr schadet. Man muss also davon ausgehen, dass sich Obama der Macht der Ölkonzerne beugen musste – und dass es ihm billiger scheint, dieser „Pflicht“ dem Geld gegenüber nachzukommen, als seinen Amtspflichten als gewählter Präsident.
Die wahre globale Machtzentrale liegt demnach in London; wie sonst sollte man sich Obamas Kotau gegenüber dem Premier Cameron erklären?
Geld regiert die Welt! Der Finanzplatz Nummer eins ist „die City“ in London – nicht die Wallstreet. Diese Position hat London schon immer gehabt und niemals aufgegeben. Neben dem 22. April 2010, dem Tag, an dem die gemietete (!) Ölbohr-Plattform Deepwater Horizon in der Folge verschiedener Explosionen gesunken ist, wird man sich den 12. Juni merken müssen: Der 12. Juni 2010 zeigt, dass das englische Geld immer noch Politiker wie Gummibärchen kauft und auslutscht, zu Handlungsweisen veranlasst und ablegt, wie es ihm gefällt.
Und die Geschichte wird zeigen, dass sich beide Daten in die Fatalität der Perversion von Macht einreihen neben solche wie 9/11 und andere.
Es ist eine absurde Wirklichkeit. Sie zeigt, dass es endgültig keinen Grund mehr für Vertrauen in eine humanistische Intention des Kapitals gibt, mag sie auch noch so glaubwürdig proklamiert werden. Ja, unsere moderne Umweltwirklichkeit heute, das ist die in Gestalt von Britischem Petroleum den Globus verseuchende und Leben mordende Lüge.
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Weltwirtschaft
Der Autor

- Peter Haisenko
GT-Kommentator Peter Haisenko ist Autor des Bestsellers "Bankraub globalisiert". Seine Serie über die Weltwirtschaft in GT fand bereits mehr als eine viertel Million Leser. Zur Zeit schreibt Haisenko an seinem neuen Buch, in dem Vorschläge für eine andere Wirtschaftsordnung den Weg in eine humane Welt aufzeigen. Und in zwei Wochen wird eine wirtschaftshistorische Meinungsanalyse von Peter Haisenko als Buch erscheinen. Titel: "England, die Deutschen, die Juden und das 20. Jahrhundert - ein freies Wort zu einer Zeit mit Nachwirkungen" - herausgegeben von Norbert Gisder, Chefredakteur dieses Magazins.












