
Negroni - the most famous american bar in Munich
Die schönsten Mädchen lieben das Negroni
Peter Haisenkos Geheimtipp, aufgeschrieben von Norbert Gisder während einer GT-Redaktionskonferenz in Münchens most famous american bar
Was für eine gewaltige Denkeichel! Während der Mann seine Arbeit tut, schaue ich in sein konzentriertes Antlitz und stelle mir vor, was unter dieser Denkerstirn passiert. Die Liebe und Sorgfalt, mit der Mauro jeden Handgriff millimetergenau setzt, ist erstaunlich, angesichts der schaufelgroßen, fleischigen Pranken, mit denen er sorgsam mal hier ein Blättchen Minze zupft, mal dort ein Tröpfchen Lemon aufs Eis spritzt, als gelte es, einem Baby auf die Welt zu helfen. Peter und mir macht der Hüne einen Negroni magnifique, selbst kreiert: Gin, Campari, Wermuth, Absinth, Lemon auf Eis, hellrubinrot und von unübertroffener Frische, feiner Säure … belebend. „Ein Aphrodisiakum“, freut sich Mauro, als er sieht, wie es schmeckt und zwinkert in die Kamera: „Es kommt auf das feine Verhältnis der Mischung an und auf die Liebe, die man beigibt.“ Ich schaue hinüber zu den beiden Brünetten – und tatsächlich, ich spüre schon, wie es wirkt!
Ja, wenn GT zur Verlagsbesprechung ruft, muss das Umfeld stimmen.
Bei Mauro stimmt alles: Das „Negroni“, die legendäre „american bar“ an der Sedanstraße 9 in München, hat schon wegen seiner nüchternen, dunkel gebeizten Buchenholzstühle Athmosphäre. Sicher, das hinterspiegelte Barregal mit seinen 400 unterschiedlichen Spirituosen geht ein klein wenig über den normalen Bedarf einer Redaktion hinaus. Andererseits ist das Panoramagemälde an der Stirnwand gegenüber dem Eingang von solcher Arbeitsintensität, dass sich wiederum jeder freut, hier und nicht dort zu schuften; dort, das ist ein Zuckerrohrfeld, vor dem ein Erntearbeiter mit Machete einen der brettharten Stengel nach dem anderen schlägt.
Das Barmädchen inspiriert unsere Themenfindung da schon mehr: Eine Schönheit wie aus einem arabischen Serail, Traumfigur, edle, gerade Nase mit kleinen Nasenlöchlein, die nach unten offen sind … und ganz offen für den kleinen Flirt ist auch die hoch gewachsene Perle mit den langen, schwarzbraunen Locken und den rehbraunen Augen.
„Ernest Hemingway liebte den Martini-Cocktail mit Gin und trockenem Wermuth im Verhältnis 15:1“, erzählt Mauro, der als weltbester Keeper westlich von Hermeskeil natürlich weiß, wie sehr uns seine inspirierte Kunst in unserer Fantasie beflügelt, „aber ich habe euch hier mal einen im Verhältnis 7:1 gemacht.“ Das erste Schlückchen, das durch unsere Kehlen gurgelt, schafft Erstaunliches – und plötzlich wissen wir, wie der alte Mann und das Meer entstand … oh, Mauro, was für ein Mensch du doch bist, was für ein wunderbarer Mensch.
Ja, liebe Leser, wenn die Atmo stimmt, lässt man als Kreativer die Redaktionskonferenz schon mal Konferenz sein und widmet sich der anderen, der harten Seite des Lebens: Die Kenntnis des Barwesens gehört ganz sicher dazu. Es gibt womöglich keinen zweiten Arbeitsplatz, bei dem es so oft um Hartes geht.
Lima im Sommer ist plötzlich Thema: Mauro, der Inhaber und Spiritus rektor der feinsten „Spiritus-Kreationen“ erzählt uns von den Seminaren, die er dort vor Barkeepern aus dem 5-Sterne-Hotel Dolphin und dem Country-Club, einem ebenfalls mit fünf Sternen beseelten Hotel im Kolonialstil, gehalten hat.
Das erste europäische Barmuseum an der Maximilianstraße 38, der Campari-Akademie angegliedert, hat natürlich jeder Freund des frischen Drinks schon besucht. Dass Mauro der Gründer ist, erzählt der Sohn eines malenden Bankangestellten nun vor seiner Bar so beiläufig, dass es nicht aufgetragen wirkt. Die Bilder vom Vater auch nicht. Wunderschön sind sie. Mit Kohle auf Stoff gezeichnet.
Mauro ist stolz auf seine Familie, ihre Herkunft: Libanon/Italien. Vom Stiefel die Mutter, arabisch vom Vater, Barchef Mauro ist ein Kosmopolit, der neben arabisch und italienisch deutsch, englich und französisch fließend spricht und schreibt. Bei seiner Leidenschaft hat ihm das sehr geholfen: Als Historiker hat der 41-jährige die größte Sammlung von Büchern über Bars in aller Welt zusammengetragen – Freunde vom Hudson bis zum Niederrhein hören sich seine Vorträge an, mit denen er die Welt der Harten und Prozentreichen von Österreich bis China und New Orleans schöner macht. Sie besuchen sein Barmuseum, seine legendäre „american bar“ Negroni an der Sedanstraße – und kosten sich nach und nach mal den einen, mal den anderen der von Mauro kreierten 114 verschiedenen Cocktails.
Das stimmungsstark gedimmte Licht aus den beiden altrosafarbenen Art deco-Kugeln über den dunklen Buchenholzmöbeln des Negroni, die schönen Geschichten von Mauro, die ebenso überzeugende Schönheit der Damen aus aller Welt, die sich von ihren Beaus ausführen lassen, nehmen uns irgendwie die Freude am Konferieren. Also lehnen wir uns noch ein wenig zurück und genießen das Negroni und seinen Chef Mauro, der trotz seiner endlich gefundenen, großen Liebe, Sharon, einer Grafikdesignerin aus den USA, seine Gäste in keiner Sekunde vernachlässigt. Sie schaut zu und genießt ihren Star vor der Bar. Es ist trotz aller Härte des Materials, mit dem beide umgehen, er und die Flaschen, sie und er, ein Bild, gezeichnet wie mit Vaseline vor der Linse und von einer Weichheit, die keine Zweifel lässt …
Negroni
american bar
Sedanstr. 9 (Ecke Comeniusstraße)
81667 München
Telefon: +49 (0) 89 48 95 01 54
So.-Do.: 18 bis 01 Uhr, Fr.-Sa. 18-03 Uhr.
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