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Missbrauch verjährt nie

Von Peter Haisenko
05.04.2010
Peter Haisenko ist kein Katholik

Die katholische Kirche: Täter oder Opfer?

Wenn ein Kind Opfer sexuellen Missbrauchs geworden ist, wird das Trauma dieses Erlebnisses sein ganzes Leben begleiten. Für das Opfer selbst kann es keine Verjährung geben, obwohl die Auswirkungen auf sein Leben sehr unterschiedlich sein können. So unterschiedlich, wie die Formen des Missbrauchs selbst. Dieser kennt das ganze Spektrum von Gewaltanwendung in den verschiedensten Formen bis hin zur Selbstbefriedigung in voyeuristischer Manier. Dementsprechend kann Missbrauch zu schweren Traumata führen oder vom Opfer gar nicht als solcher wahrgenommen und erst viel später erkannt werden. Missbrauch ist kein Privileg der katholischen Kirche. Er findet leider in allen Schichten der Gesellschaft statt und wird in manchen Gegenden dieser Welt nicht nur toleriert, sondern kann sogar gesellschaftsfähig sein.

Die Grenzen zwischen Missbrauch, Misshandlung und normalem Umgang sind ständigem Wandel unterworfen. War es vor 50 Jahren noch üblich, aufsässige Kinder mit Hilfe körperlicher Züchtigung zur Ordnung zu rufen, ist diese Methode der Erziehung – damals in aufgeklärten Schichten schon umstritten - heutzutage in den westlichen Ländern vollkommen verpönt.

Doch sogar der liebevolle Umgang mit den eigenen Kindern ist nicht mehr überall problemlos. In den USA kann man schon verhaftet werden, wenn man als Vater seine Tochter öffentlich liebkost – ob zum Trost oder als Beweis seiner Liebe, oder auch nur als ganz normaler Umgang.

Das lässt mich daran zweifeln, dass es richtig ist, 50 Jahre alte Handlungsweisen nach den Maßstäben der Gegenwart pauschal und stumpf nach heutiger Einsicht zu verurteilen. Vieles war damals eben so.

Damit wir uns nicht falsch verstehen: Sexueller Missbrauch, nicht nur an Kindern, fällt in eine Kategorie, die niemals und nirgend toleriert werden darf.

Mit körperlicher Züchtigung sieht es anders aus, solange diese nicht von sexuellen Motiven geleitet wird. Die jeweils gerade moderne Auffassung einer Gesellschaft bestimmt, welche Methoden zur Erziehung von Kindern zulässig sind. Auch heute ist die Diskussion keineswegs abgeschlossen, ob eine Ohrfeige grausamer als (angedrohter) Liebesentzug ist und welche Form der Bestrafung die negativeren Auswirkungen auf die Psyche eines Kindes haben mag. Vor 50 Jahren war es möglich, einem Kind mit einem Klaps zu zeigen, dass es seine Grenzen überschritten hat, ohne ihm das Gefühl zu vermitteln, dass es deswegen die Liebe seiner Erzieher verwirkt hat.

Ein Kind ist immer auf der Suche nach Grenzen, ebenso wie manch Erwachsener – oft ein Leben lang. Wie die Versuche mit der antiautoritären Erziehung gezeigt haben, ist ein Kind ständiger Frustration ausgesetzt, wenn ihm die Möglichkeit genommen ist, die Überschreitung von Grenzen zu erfahren. Auch mit den modernen Regeln der Erziehung ist der Stein der Weisen mit aller Sicherheit noch nicht gefunden worden. Solange es Menschen gibt, werden sich diese Regeln auf der Suche nach dem besten Weg stetig verändern. Das ist auch gut so, denn mancher, der sich heute in allem Recht sonnt, wird in 50 Jahren genau dafür verurteilt werden; die Weisheit weiß darum und verhält sich deshalb oft verhalten.

Aktuell aber ist die katholische Kirche in der öffentlichen Kritik und immer neue (alte) Fälle von Missbrauch werden publiziert. Bischöfe werden an den Pranger gestellt und der Versuch wird immer offensichtlicher, auch das Ansehen des Papstes mit diesem Thema zu beschädigen. Dabei wird die Grenze zwischen Missbrauch und damals üblicher körperlicher Züchtigung mehr und mehr verwischt. Ich bin nicht katholisch, aber ich wehre mich gegen die suggestive Darstellung, dass Missbrauch von Kindern ein besonderes Merkmal für katholische Einrichtungen sein soll.

Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass in den 60er Jahren auch im Bereich der evangelischen Kirche Missbrauch stattgefunden hat. Des weiteren sind sogar in der Literatur eine Fülle von Dokumenten zu finden, die methodischen Missbrauch in englischen Internaten belegen, ganz zu schweigen von den Beschreibungen körperlicher Züchtigung, für die Internate in aller Welt bekannt waren.

So kann bei der aktuellen Konzentration der Medien auf die Verfehlungen der katholischen Kirche der Verdacht nicht einfach bei Seite gelegt werden, dass es sich um eine Kampagne zum Schaden der katholischen Kirche handelt – wohl geplant und geschickt inszeniert. Vor einigen Jahren war ein ähnlicher Vorgang in den USA zu beobachten. Groß aufgemacht wurden katholische Geistliche an den Pranger gestellt und die anglikanisch dominierten Medien haben gleichartige Vorfälle in anderen Bereichen verschwiegen.

Sexueller Missbrauch, wie jedes andere Vergehen gegen die Menschlichkeit auch, sollte immer konsequent angeprangert, verfolgt und bestraft werden, gleich wer und wo dafür verantwortlich zeichnet. Aber was derzeit in Deutschland stattfindet, ist nach meiner Meinung eindeutig übertrieben. Damit meine ich nicht, dass Fälle von sexuellen Übergriffen publiziert werden, sondern dass Würdenträger der katholischen Kirche wegen angeblicher körperlicher Misshandlungen ins Schussfeld gezogen werden. Das Beispiel des manchmal umstrittenen Bischofs Mixa in Augsburg zeigt auf, wie die Medien den Ruf eines wahrscheinlich integeren Mannes ruinieren können: Obwohl in Deutschland grundsätzlich die Unschuldsvermutung gilt, solange eine Schuld nicht bewiesen ist, wird Bischof Mixa den Schatten auf seinem Ruf niemals wieder entfernen können.

Mit der Wucht von sechs eidesstattlichen Erklärungen wird Bischof Mixa bezichtigt, vor vielen Jahren Zöglinge körperlich grob misshandelt zu haben.

Eidesstattliche Erklärungen haben immer den Nimbus, die reine Wahrheit zu bezeugen. Eine eidesstattliche Falschaussage wird mit Gefängnis bestraft und so darf man davon ausgehen, dass eine mit Eid bekräftigte Aussage bedacht und der Wahrheit entsprechend gemacht wird.

Speziell in diesem Fall gilt das aber nicht. Die Behauptung, Stadtpfarrer Mixa hätte vor Jahrzehnten Zöglinge misshandelt, kann weder bewiesen noch widerlegt werden. Besonders dann nicht, wenn Vorfälle beschrieben werden, für die es keine weiteren Zeugen geben kann, weil sie unbeobachtet von Dritten stattgefunden haben sollen.

Eine derartige eidesstattliche Versicherung gestattet jedem, ihr entsprechend seiner vorgefassten Überzeugung Glauben zu schenken oder nicht. Das ist das perfide an ihrer Veröffentlichung. Diejenigen, die Bischof Mixa sowieso ablehnen, dürfen sich bestätigt sehen. Aber auch bei allen anderen wird immer irgendwo der Stachel des Verdachts stecken bleiben. Niemand außer Mixa selbst wird jemals um die reine Wahrheit wissen können. Selbst die angeblichen Opfer können unter Umständen nicht sicher sein, dass sie ihre Erinnerung nicht bei der genauen Benennung des Täters irregeführt hat. Es ist sogar möglich, dass diese Aussagen zustande gekommen sind, weil sie für diese Zeugen die einzige Möglichkeit darstellen, einmal in ihrem Leben, ja, vielleicht nur ein einziges Mal, ins gerade besonders aufmerksame Licht der Öffentlichkeit zu treten. Die Psychologie weiß, dass die Erinnerung mit dieser Motivation unabsichtlich Fehler machen kann. Ein Täter wird verdrängt und vergessen, um dann durch einen Prominenten ersetzt zu werden, wenn sich die Gelegenheit anbietet.

Journalisten und Medienprofis wissen um die Macht einer Anschuldigung, die weder bewiesen noch widerlegt werden kann. Wenn sie eine solche in die Öffentlichkeit tragen, beschädigen sie den Ruf eines Menschen unwiederbringlich. Es bleibt nur die Frage, ob sie das vorsätzlich getan haben, oder weil sie jede noch so unanständige Gelegenheit wahrnehmen, ihre eigene Bekanntheit zu steigern.

Der Fall des Generals Günter Kießling 1983 belegt, wie auf diese Weise der Ruf eines Menschen für immer beschädigt worden ist. General Kießling war in Ungnade gefallen und die Medien haben die Behauptung gierig aufgenommen und verbreitet, er wäre homosexuell. Auch wenn das Gegenteil bewiesen werden könnte (konnte!?), - wie will man nachweisen, dass man nicht schwul ist? - wird General Kießling immer als „der schwule General“ im Gedächtnis bleiben. General Kießling wird sich niemals der Folgen dieser Kampagne entledigen können. Dasselbe gilt aktuell für Bischof Mixa, egal was er nun getan hat, oder nicht.

Im Fall des Generals Kießling konnte eindeutig nachgewiesen werden, dass es sich um eine gezielt gestartete Kampagne gehandelt hat. Wenn jetzt gegen die katholische Kirche immer neue und weiter her geholte Beschuldigungen ausgegraben werden, dann kann ich mich des Verdachts nicht erwehren, dass es sich auch in diesem Fall um eine groß angelegte Kampagne handeln könnte. In den letzten Jahrzehnten war es gesellschaftsfähig, über die Untaten der katholischen Kirche zu schimpfen. Wer eine Gegenposition vertrat, hatte in der Regel einen schweren Stand. So ist der Boden für eine neuerliche Kampagne gegen die katholische Kirche gut vorbereitet.

Die Einseitigkeit jedoch, mit der über Vergehen der katholischen Kirche berichtet wird und Vorfälle in anderen Bereichen der Gesellschaft unbeachtet bleiben, ist einfach nicht fair. Wenn es nur darum ginge, durch die Aufdeckung sexuellen Missbrauchs in der Vergangenheit zukünftige Fälle zu verhindern, dann darf nicht die Sünde der Unterlassung begangen werden. Sexueller Missbrauch ist nicht das „Privileg“ der katholischen Kirche und solange nur ihre Fälle aufgedeckt werden, können alle anderen weiterhin ungestraft fortfahren. Wenn es um Fälle körperlicher Züchtigung geht, die vor 40 oder 50 Jahren stattgefunden haben, dann muss klar gesagt werden, dass das damals einfach so üblich war. Auch wenn die heutige Auffassung diese Erziehungsmethoden entschieden ablehnt, dürfen Menschen nicht verurteilt werden, die im Einklang mit der damals üblichen Erziehung gehandelt haben, solange sie sich nicht besonderer Grausamkeit schuldig gemacht haben.

Bei allem, was der katholischen Kirche vorgeworfen werden kann, darf niemals in Vergessenheit geraten, dass die katholische Kirche die Wurzel der europäischen Kultur ist.

Die moralischen Prinzipien, die uns heute das Recht geben, moralische Verfehlungen innerhalb der katholischen Kirche zu verurteilen, haben sich im Laufe der Jahrhunderte aus der Lehre der katholischen Kirche entwickelt. Diese Entwicklungen waren selbstverständlich nicht ohne Irrungen und manche Zeit gereicht wirklich nicht zum Ruhm der Kirche. Aber dennoch haben die Lehren der christlichen Kirche zu dem hohen moralischen Standard geführt, der heute die Basis unserer Gesellschaft ist.

Sicher ist es richtig, eine stete Erneuerung der Kirche anzumahnen, aber es ist sicher nicht richtig, große Teile der Gläubigen zu verunsichern, indem der Eindruck vermittelt wird, die katholische Kirche und ihre Vertreter wären in ganz besonderem Maße für sexuellen Missbrauch von Kindern verantwortlich zu machen. Der Missbrauch zieht sich durch alle Schichten der Gesellschaft und mir sind besonders hässliche Fälle von bekennenden Atheisten persönlich bekannt. Es handelt sich hierbei um sehr prominente Personen, die sich jetzt nicht scheuen, mit dem Finger auf die katholische Kirche zu zeigen.

Wie eingangs gesagt, die Grenzen zwischen Missbrauch und Misshandlung verschieben sich entsprechend der jeweils aktuellen gesellschaftlichen Norm. Es kann nicht ohne Hintergedanken geschehen sein, dass jetzt Handlungsweisen, die in ferner Vergangenheit normal waren, dazu herangezogen werden, Würdenträger ihrer Würde zu berauben.

Körperliche Übergriffe als Erziehungsmaßnahme fallen in eine andere Kategorie. Es gab Zeiten, als diese zumindest in milder Form normal waren. Eine Kopfnuss oder das Zupfen an Ohren oder Haaren kann ebenso gut als hilfreiche Ermahnung ihre positive Wirkung haben, wenn sich der Erzieher nicht anders helfen kann und die Gesellschaft das akzeptiert. Und schließlich wissen wir alle heute nicht, wie ein „Fernsehverbot“ oder das Wegsperren von Computern nach der Moral der 50er Jahre beurteilt worden wäre – geschweige denn, wie es in 50 Jahren betrachtet werden wird.

Damals wie heute erachte ich Liebesentzug als die schlimmste Form aller Strafen, die aber weder geächtet noch diskutiert wird.


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Zusammenfassung der Seite:

Grand Tourisme - Worldwide

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