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Weltwirtschaft, Teil 5:
Wie viel Luxus wollen wir uns leisten?

Von Peter Haisenko
09.05.2010

Luxus ist relativ.

Es kommt immer auf den Standpunkt an, ob ein Zustand als Luxus oder als Strafe empfunden wird. Für den einen bedeutet Luxus Champagner und Kaviar und ein anderer kann schon sauberes Wasser und eine warme Mahlzeit als ungewohnten Luxus empfinden. Luxus ist ein flüchtiger Zustand. Sobald man sich an ihn gewöhnt hat, wird er nicht mehr als solcher empfunden. Er wird zur Selbstverständlichkeit und verliert dadurch seinen Wert.

Luxus ist das Salz in der Suppe des Lebens. Nicht umsonst wird gesagt, dass es uns erst dann wirklich schlecht geht, wenn wir uns keinen Luxus mehr leisten können. Alle Menschen streben ein gewisses Maß an Luxus an. Dieses natürliche Streben führt in gewisser Weise in einen Teufelskreis, weil es nach einer steten Verbesserung des gewohnten Zustands verlangt. Dem zur Gewohnheit gewordenen Luxus muss ein neuer zugefügt werden, damit man wieder das Gefühl haben kann, Luxus zu genießen. Damit wird ersichtlich, dass es immer schwieriger wird, einer Gesellschaft das Gefühl geben zu können, Luxus zu genießen, je höher das allgemeine Luxusniveau dieser Gesellschaft ist.

Die Definition, ob etwas luxuriös ist oder nicht, ist aber auch dem Zeitgeist unterworfen. Modetrends und Trendsetter beeinflussen das allgemeine Gefühl stark, ob ein Gut oder ein Zustand als Luxus empfunden wird. Generell kann festgestellt werden, dass Luxus ein rares Gut sein muss, damit er als solcher empfunden wird. Dabei ist es unwesentlich, ob das Streben nach diesem raren Gut einem natürlichen Verlangen entspringt oder einer Irrung des Zeitgeistes zuzuordnen ist.

Überfluss und Luxus

Die Gesellschaft, in der wir leben, hat eher einen Überfluss zu verwalten. Dadurch ist es schwierig geworden, den Menschen zu vermitteln, welchen Luxus sie eigentlich genießen. Mit großer Selbstverständlichkeit werden die luxuriösen Dinge des Alltags zur Kenntnis genommen und man beklagt sich, dass es nicht mehr ist. Luxus definiert sich immer durch den Vergleich. Es ist der Vergleich, der in einem selbst begründet ist, und der Vergleich mit anderen. Wenn im persönlichen Leben im Vergleich mit der Vergangenheit eine Verbesserung stattgefunden hat, wird diese leicht als Luxus erkannt. Allerdings kann dieses Glücksgefühl deutlich geschmälert werden, wenn man seinen eigenen Luxus mit dem anderer vergleicht. Neid und Missgunst können die Freude am persönlichen Luxus vergällen.

Wenn man in der heutigen Zeit jemanden nach seinem persönlichen Luxusempfinden befragt, der scheinbar jeden Luxus genießen kann, dann wird eine Antwort mit auffallender Häufigkeit gegeben. Die freie Zeit wird oben angestellt. Zeit, die man ohne weitere Verpflichtungen für sich selbst genießen kann. Zeit, während der es erlaubt ist, nur das zu tun, was man wirklich tun will. Zeit, die man ohne Zwänge und ohne Angst entspannt genießen kann. Aber auch für Menschen, die objektiv nicht Zugang zu den höheren Stufen des materiellen Luxus haben, nimmt diese freie Zeit einen immer höheren Rang ein. Unsere moderne Zeit hat offensichtlich einen Mangel: Freie Zeit. Deswegen wird diese als Luxus empfunden.

Materieller Luxus kostet Zeit

Alle materiellen Dinge, die wir als Luxus genießen und oftmals nicht mehr als solchen erkennen, verlangen vor ihrem Genuss den Einsatz von Arbeit. Arbeit ist nicht nur die körperliche Betätigung, sie verbraucht auch unsere Zeit. Nachdem die freie Zeit als Luxus empfunden wird, gibt es hier einen Konflikt. Je mehr materieller Luxus angestrebt wird, desto weniger Zeit bleibt übrig. Die Frage liegt auf der Hand: Wie viel Luxus in welcher Qualität wollen wir uns leisten? Wo ist der goldene Mittelweg, der zu Zufriedenheit führen kann?

In unserer Überflussgesellschaft geht es weniger um das Können, die Frage nach dem Wollen muss gestellt werden. Die Gesellschaft selbst bestimmt mit ihren Normen, wie viel Zeit sie auf die Arbeit verwenden will, die für existenziell unnötigen Luxus benötigt wird. Dabei darf nicht außer Acht gelassen werden, dass sich Manches verselbstständigt hat. Im Rausch des Wiederaufbaus der 50er Jahre, der zu dieser Zeit einfach notwendig gewesen war, sind die Prioritäten klar zu Gunsten des Materiellen gesetzt worden. Später ist es versäumt worden, humanistisches Gedankengut zu reanimieren. Die Fixierung der Gesellschaft auf materiellen Luxus ist zu wenig hinterfragt worden und so sind die Menschen zu Sklaven eines unreflektierten Bedürfnisses nach materiellem Luxus geworden.

Früher war alles besser?

Bis in die 70er Jahre war Standard, dass ein Mann mit seiner Arbeit seine Familie ernähren kann. Das ist heute eher die Ausnahme. Geht es uns also heute schlechter? Darauf gibt es keine einfache Antwort. Allein die unterschiedlichen Lebensplanungen und Bedürfnisse verlangen nach einer breiten Differenzierung. Eines kann allerdings festgestellt werden: Dass heute meist mehrere Familienmitglieder mit ihrer Arbeit zum Familienunterhalt beitragen müssen, ist im Luxus begründet. Und zwar im Luxus im weitesten Sinn.

Als erstes ist die persönliche Situation zu betrachten. Bis in die 70er Jahre war der Besitz eines Autos kein Standard. Heute sind es durchschnittlich mehr als eines pro Haushalt. Die Inanspruchnahme von Wohnraum pro Person hat sich während der letzten 60 Jahre mehr als verdoppelt und auch die Qualität des Wohnens ist mit den 50er Jahren nicht mehr vergleichbar. Dasselbe gilt für die Qualität der Autos. Jeder Haushalt verfügt heute über mindestens einen Fernseher und eine Fülle von Maschinen, die die tägliche Arbeit erleichtern. All das ist ein Luxus, der für die Menschen der 50er Jahre nicht einmal vorstellbar war. Es geht uns also besser?

Die allgemeine Situation hat sich ähnlich verändert. Wir fahren auf Straßen und Autobahnen, um deren Zustand uns die ganze Welt beneidet. Hochgeschwindigkeitszüge verbinden die Städte und der Flug in den Urlaub gehört zum Standard. Die Ausgaben für Lebensmittel nehmen nicht mehr den größten Teil der Familienkasse in Anspruch und wir können über das ganze Jahr Früchte aus aller Herren Länder genießen. Eine Blume im Februar zum Valentinstag? Selbstverständlich herrscht auch zur kalten Jahreszeit kein Mangel daran. Hunger? Seit Jahrzehnten unbekannt und die Fettleibigkeit ist zum Problem geworden. Kurzum, es mangelt eigentlich an nichts und alle könnten richtig zufrieden sein.

Alles hat seinen Preis

Luxus und Arbeit stehen in einem untrennbaren Verhältnis zueinander. Zwei wesentliche Faktoren sind zu beachten. Produktivität und Erhalt. Wird die Produktivität gesteigert, kann eine Gesellschaft mehr Luxus genießen, ohne mehr Zeit für die Arbeit aufwenden zu müssen. In Deutschland hat sich die allgemeine Produktivität während der letzten 60 Jahre in etwa verzehnfacht. Also müssten wir eigentlich an einem Punkt sein, wo der Ernährer einer Familie allein für das Auskommen und den Luxus seiner Familie sorgen kann. Dem ist aber nicht so und das erscheint auf den ersten Blick widersinnig. Hier muss der Erhalt betrachtet werden.

Nehmen wir an, eine Gesellschaft hat eine bestimmte unveränderliche Anzahl von Arbeitern zur Verfügung, die sich nur dem Bau und dem Erhalt des Straßennetzes widmen. Mit jeder neu gebauten Straße sind ab dem Moment der Fertigstellung Arbeiter damit beschäftigt, diese Straßen zu erhalten. Reinigen, Ausbessern, Bäume schneiden und alles, was eben dazu gehört. Diese Arbeiter stehen ab sofort nicht mehr für den Neubau von Straßen zur Verfügung. Es ist absehbar, wann das Straßennetz einen Umfang erreicht haben wird, der eine Erweiterung nicht mehr erlaubt, weil alle Straßenarbeiter mit dem Erhalt der bestehenden Straßen beschäftigt sind. Wenn dann eine neue Straße gebaut werden soll, muss entweder die Produktivität der Arbeiter gesteigert werden, oder ihre Arbeitszeit verlängert, oder es müssen neue Arbeiter für diese Aufgabe abgestellt werden.

Dieses Beispiel zeigt, dass jede Art von Luxus immer eine proportionale Menge an Arbeit für seinen Erhalt verlangt. Es ist nicht damit getan, ein Schwimmbad zu bauen. Wenn es einmal da ist, wird Personal zum Betrieb und Erhalt benötigt. Mit dieser Erkenntnis wird deutlich, dass das Luxusbedürfnis einer Gesellschaft nur dann erweitert und befriedigt werden kann, wenn genügend freie Arbeitskraft zur Verfügung steht. Ich weise ausdrücklich darauf hin, dass das primär nichts mit Geld zu tun hat. Keine noch so große Menge Geld kann helfen, wenn niemand da ist, der für dieses Geld arbeiten könnte. Aus diesem Grund sind in den 60er Jahren die Gastarbeiter nach Deutschland gekommen, doch das sei nur am Rand bemerkt.

Die Entscheidung liegt bei der Gesellschaft

Der Grad an Luxus, den wir in Deutschland erleben, ist nur dadurch erreichbar geworden, dass die Arbeitskraft der Frauen auch außerhalb des häuslichen Bereichs genutzt wird. Das moderne Selbstverständnis der Frauen lässt es für diese erstrebenswert erscheinen, sich neben ihrer anspruchsvollen Tätigkeit in der Familie auch in der Berufswelt zu beweisen. Es liegt auf der Hand, dass sie dann wegen der Doppelbelastung nur noch wenig freie Zeit zu ihrer eigenen Verfügung haben. Man lebt in dem steten Gefühl, immer etwas vernachlässigen zu müssen, weil die knappe Zeit nicht ausreicht, allem die angebrachte Aufmerksamkeit zu widmen.

In Deutschland ist das Bewusstsein verbreitet, dass man einfach mehr arbeiten muss, wenn man ein neues Luxusgut anstrebt. Eine gesunde Einstellung, die von einem natürlichen Realitätssinn zeugt. Mit dieser Einstellung wird aber auch schnell ersichtlich, welchen Preis materieller Luxus hat. Irgendwann wird man an der Stelle ankommen, wo man überhaupt keine Zeit mehr hat, seine Luxusgüter zu genießen. Spätestens dann sollte ein allgemeines Erwachen erfolgen.

Die Versorgung Deutschlands mit Luxusgütern ist meines Erachtens mehr als ausreichend. Bevor weitere Steigerungen erstrebt werden, sollte über eine Konsolidierung nachgedacht werden. Der propagierte Wahnsinn von andauernden Wachstumsraten muss hinterfragt werden. Die Natur selbst führt uns auf unserer begrenzten Erde andauernd vor, dass es kein unendliches Wachstum geben kann. Es würde für die Reife einer Gesellschaft sprechen, wenn diese einmal innehält und darüber nachdenkt, was das Leben wirklich lebenswert macht. Mehr Zeit, zum Beispiel. Nachdem freie Zeit immer mehr zum höchsten Luxus erklärt wird, gibt es offensichtlich einen Bedarf, das Verhältnis zwischen materiellem und ideellem Luxus auszutarieren.

Nur ganz wenige haben sich eine Reife erworben, die es ihnen gestattet, materiellen Luxus zu Gunsten freier Zeit einzuschränken. Dieser Schritt darf auch getrost als schwierig angenommen werden. Mein Vorschlag ist also, weitere Steigerungen der Produktivität – diese kommen mit Sicherheit – dazu zu verwenden, das Verhältnis zwischen Arbeit und Freizeit zu Gunsten der Freizeit zu verschieben. Nicht nur der Freizeit, sondern auch zu einer Entschleunigung der Arbeitswelt. Die Arbeit muss wieder menschlicher werden. Das ist der moderne Luxus!

Manches war früher besser

Nach dem Krieg hatte die deutsche Gesellschaft ein gemeinsames Ziel. Die Verwüstungen des Kriegs mussten überwunden werden und dazu wurde jede Arbeitskraft eingesetzt. Auch Menschen mit geringer Qualifikation konnten zum allgemeinen Aufschwung beitragen, indem sie für eine gerechte Entlohnung Hilfsdienste verrichteten. Erst die Sucht nach Gewinnmaximierung der 70er Jahre hat diese Menschen mehr und mehr aus dem Produktionsprozess verbannt. Sie finden sich heute in der Arbeitslosigkeit wieder und werden immer mehr vom ansteigenden Luxus abgekoppelt. Ihr Einsatz bringt einfach zu wenig messbaren Profit.

Den arbeitswilligen Arbeitslosen geht es schlecht. Sie würden es als Luxus empfinden, wenn sie arbeiten dürften und noch mehr, wenn ihre (Hilfs-) Leistung Anerkennung finden würde. Auf der anderen Seite würden es die Menschen an einem aufs äußerste auf Gewinn eingestellten Arbeitsplatz als Luxus empfinden, wenn sie durch freundliche Hilfsleistungen entlastet würden. Wenn sie ein paar Freiräume genießen könnten, die ihnen die Kaufleute nicht gestatten wollen. Man sieht hier noch einmal klar, wie relativ Luxus ist.

Wie viel Luxus wollen wir uns also leisten? Bevor diese Frage beantwortet werden kann, muss die Gesellschaft in die Diskussion einsteigen, welche Art von Luxus überhaupt gemeint ist und angestrebt werden soll. Ich meine, dass Deutschland gesättigt ist, was materiellen Luxus angeht. Es ist an der Zeit, sich darauf zu besinnen, dass der Wert des Lebens nicht nur in Autos, riesigen Fernsehern und einem fetten Konto zu bemessen ist. Gönnen wir uns den Luxus und machen wir uns auf den Weg zurück in eine Gesellschaft, die humanistische Ziele über Gier und Profit stellt.

Dieser Weg wird ein leichter sein, sobald die Fehler im Weltfinanzsystem überwunden sind, die ich in den vorangegangenen Artikeln beschrieben habe. Von da an wird nämlich etwa zehn Prozent mehr für alle in Deutschland zur Verfügung stehen, und damit können alle Arbeitslosen sinnvoll in die Arbeitswelt reintegriert werden, ohne den Standard für die Allgemeinheit zu reduzieren. Man muss diese zehn Prozent nicht nur für Lohnsteigerungen verwenden, sondern kann auch den allgemeinen Druck in der Arbeitswelt abbauen. Was für ein Luxus!


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Zusammenfassung der Seite:

Grand Tourisme - Worldwide

Luxus, Gesellschaft, Arbeit, Menschen, Jahre, Deutschland, Erhalt, Verfügung, Produktivität, Familie, Gefühl, Zustand, Standard, Straßen, Arbeiter, Vergleich, Verhältnis, Autos, Arbeitswelt, Gunsten, Qualität, Frage, Freizeit, Arbeitskraft, Frauen, Mangel, Streben, Selbstverständlichkeit, Preis, Schulden, Situation, Einsatz, Verbesserung, Einstellung, Reife, Profit, Arbeitslosen, Straße, Antwort, Prozent, Menge, Dieser, Steigerungen, Dinge, Haushalt, Lebens, Beispiel, Leben, Jahren, Erachtens, Stelle, Luxusgüter, Konsolidierung, Erwachen, Luxusgütern, Irgendwann, Deutschlands, Versorgung, Wahnsinn, Spätestens, Selbstverständnis, Schwimmbad, Aufgabe, Personal, Betrieb, Erkenntnis, Arbeitszeit, Straßenarbeiter, Neubau, Straßennetz, Umfang, Erweiterung, Luxusbedürfnis, Grund, Doppelbelastung, Aufmerksamkeit, Bewusstsein, Luxusgut, Berufswelt, Tätigkeit, Gastarbeiter, Entscheidung, Bereichs, Wachstumsraten, Realitätssinn, Entschleunigung, Weltfinanzsystem, Fehler, Artikeln, Allgemeinheit, Lohnsteigerungen, Ziele, Gönnen, Kaufleute, Diskussion, Fernsehern, Konto, Druck, Kostenloses, Wettbewerb