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Krise – Crash – und dann?

Von Peter Haisenko
19.10.2011

Was werden die Konsequenzen sein, wenn auf die Krise der unausweichliche Crash folgt? Liegen hier womöglich die Ursachen, warum die Insolvenz ganzer Staaten verschleppt wird? Wen trifft es wirklich hart und gibt es vielleicht sogar Regionen, die von einer ewigen Last befreit werden? In jedem Fall sind die Folgen komplex und ja, es wird Gewinner geben – aber ganz andere, als man vermuten möchte.

Auch wenn mittlerweile sogar von „Experten“, die andauernd ihre Viertelwahrheiten verbreiten dürfen, von „asymmetrischen Handelsbilanzen“ gesprochen wird, wird das eigentlich brennende Problem der Öffentlichkeit vorenthalten: eben genau diese asymmetrischen Handelsbilanzen. Der Zustand ist: Es gibt Länder, die seit Jahrzehnten mehr importieren als exportieren, also mehr verbrauchen als sie ihrer Arbeitsleistung entsprechend dürften, und logischerweise das Gegenteil davon.

Dieser Zustand kann nur aufrechterhalten werden, solange das aktuelle Finanzsystem vor dem Zusammenbruch bewahrt wird. Mit immer frischem Geld aus dem Nichts werden die asymmetrischen Handelsbilanzen einfach mit neuen Schulden übertüncht. Natürlich ist die Frage zu stellen, wer die Fortführung dieses Zustands will oder sogar zwingend für sein Überleben braucht.

Die Antwort darauf ergibt sich zum Einen aus der Betrachtung, was nach einem Crash passieren wird, und zum Anderen aus der einfachen Tatsache, dass sich jedes Defizitland nach einem Crash entsprechend einschränken muss.

Zwischendurch ist es sinnvoll zu betrachten, in welcher Form der Crash kommen kann. Der einfachste Fall ist die (Hyper-)Inflation. Alles Geld wird entwertet und damit natürlich auch alle Schulden und Guthaben. Danach sind die Schulden zwar weg, aber die Systemprobleme bleiben im Grundsatz erhalten. Es muss also danach ein neues System etabliert werden, mit allen Problemen, die ein kompletter Neuanfang mit sich bringen wird.

Möglichkeit zwei ist der exklusive Zusammenbruch des Bankensystems, ohne Inflation. In diesem Fall ist es unumgänglich, für eine Übergangszeit ein System der Zwangswirtschaft zu etablieren, um den internationalen Warenaustausch aufrechterhalten zu können. Gleichzeitig müssen die überflüssigen Geldmengen, 99 Prozent der Finanztransfers, unschädlich gemacht, also entsorgt werden. Das wäre vergleichbar mit einer Zwangsinflation für Geld, das für die Funktion der Weltwirtschaft nicht benötigt wird.

In jedem Fall wird es keine Lösung geben, die ohne einen weltweiten Konsens zum Erfolg führen kann. Das dürfte die größte Schwierigkeit sein, denn die Interessenlagen sind zu unterschiedlich. Des Weiteren muss es eine Übergangszeit geben, während der die aktuellen Ungerechtigkeiten zuerst weitergeführt werden, um eine stückweise Umstrukturierung der Wirtschaftsstrukturen der maroden Länder zu ermöglichen. Diese ist dann beendet, wenn die Handelsbilanzen der einzelnen Länder wieder generell ausgeglichen sind.

Wie groß werden die Veränderungen sein müssen? Im Fall Griechenlands ist es einfach. Griechenland muss in Zukunft auf 12 Prozent seiner Importe verzichten, weil es diese mit keinen entsprechenden Exporten bezahlen kann – weil für diesen Anteil des Konsums innerhalb Griechenlands einfach keine Arbeit geleistet wird. Das ist eine Größenordnung, die, wie das Beispiel zeigt, schon existenzbedrohend sein kann.

Der momentane Zustand ist, dass zum Beispiel Deutschland Griechenland Geld geben muss, damit die Griechen unsere Waren überhaupt kaufen können – zumindest für 12 Prozent der griechischen Importe. 12 Prozent weniger Importe klingt überschaubar, aber es ist nicht einmal die halbe Wahrheit. Damit griechische Produkte wieder wettbewerbsfähig werden können, müssen die Löhne in Griechenland im Durchschnitt um etwa 30 Prozent gesenkt werden.

Auf den ersten Blick erscheint das ungeheuerlich viel, wird aber dadurch relativiert, dass das gesamte Leben in Griechenland nach einer Konsolidierungsphase erheblich billiger werden wird. Griechenland ist mit seiner Sparpolitik bereits auf einem wirklich guten Weg. Die sozialverträgliche Absenkung von höheren Pensionen und Beamtengehältern um 20 Prozent kommt dem Endziel schon ziemlich nahe. Griechenland bereitet sich auf die Zeit nach dem Crash vor.

Alle anderen Länder mit anhaltendem Außenhandelsdefizit werden diesem schmerzhaften Beispiel folgen müssen. Hier liegt das Problem - und es hat zwei Seiten: Wenn alle Defizitländer ihr Konsumniveau auf ihre echte Eigenleistung reduzieren, werden natürlich die deutschen Exporte nur noch reduziert laufen können. Die zweite Seite ist, dass manche Länder ein wesentlich höheres Außenhandelsdefizit als Griechenland durch die Jahre gerettet haben.

Es ist eine einfache aber universelle Regel: In Ländern mit Außenhandelsüberschuss sind die Löhne generell zu niedrig und umgekehrt. Oder anders herum wird in Ländern mit Überschuss zu wenig konsumiert im Gegensatz zu den Defizitländern. Wenn die Märkte tatsächlich regulierten, dann müssten in allen Ländern die Löhne und mit ihnen der Konsum solange steigen oder sinken, bis die Handelsbilanzen überall ausgeglichen sind.

Für Deutschland bedeutet das, dass die Löhne vor allem im unteren Bereich um mindestens 30 Prozent angehoben werden müssten. Wieso so viel? Ganz einfach, der Lohnanteil an den Stückkosten liegt größtenteils nur bei etwa 10 Prozent. Diese Maßnahme würde Deutschland nicht nur eine ausgeglichene Handelsbilanz bringen, sie würde die deutsche Industrie auch weniger exportabhängig machen, weil der Binnenmarkt deutlich belebt würde. Auf die dann mehr als ausreichenden Steuereinnahmen will ich hier gar nicht näher eingehen. Wahr ist auch, dass die Löhne in anderen Ländern weniger sinken müssen, wenn die deutschen Löhne steigen.

Diese an sich unumgängliche Maßnahme birgt aber große psychologische Gefahren: Deutschland, das Land, das zwei große Kriege verloren hat, wäre schon wieder, wie vor 100 Jahren, das Land, dessen Bürgern es weltweit mit großem Abstand am besten ginge. Vor allem dann, wenn die Löhne in den Defizitländern auch ihre Korrektur nach unten hinter sich haben – siehe Griechenland.

Griechenland ist aber nur ein kleiner Fisch. Der Hammer lauert in Übersee – über dem Atlantik und dem Kanal. USA und England. Diese beiden Länder feiern seit langen Jahren Außenhandelsdefizite jenseits der 25 Prozent, aber sogar diese schreckliche Zahl ist nur die halbe Wahrheit. Nochmals mehr als 25 Prozent des offiziell ausgewiesenen BIP werden auf den Finanzmärkten generiert und das geht nur solange, wie der Finanzcrash eben noch nicht stattgefunden hat. Nochmals: Die versteckten 25 Prozent des BIP aus den Finanzmärkten entstehen nicht aus wertschöpfender Arbeit, sondern aus betrügerischen Manipulationen der Finanzmärkte.

Im Klartext heißt das: Nach dem Crash werden sich die USA und England um etwa 50 Prozent einschränken müssen. Hier liegt ein weiteres und eigentlich noch weit schwerwiegenderes Problem. Nur wenn wir das begreifen, wird auch verständlich, warum aus genau diesen Ländern ein Krieg gegen den Euro geführt wird und unsere Regierung in bekannter Nibelungentreue diesmal an der Seite der USA mit allen Mitteln den Crash zu verhindern sucht. Bundeskanzlerin Merkel sagt hier wenigstens einen Teil der Wahrheit: Wir kaufen uns Zeit – und die brauchen wir dringend.

Um nochmals zu verdeutlichen, um welche Größenordnungen es hier geht, nenne ich eine einfache aber schreckliche Zahl. Die USA hatten auch im letzten Jahr ein Außenhandelsdefizit von knapp 1.000 Milliarden Dollar. Das heißt, dass jeder durchschnittliche amerikanische Haushalt Waren im Wert von etwa 600 Dollar im Monat konsumiert hat, für die in den USA kein Strich Arbeit geleistet worden ist. Das entspricht etwa einem Viertel des verfügbaren Einkommens und die Erlöse aus den Finanzmärkten sind hier noch nicht eingerechnet. Dasselbe gilt für England analog.

Die Industrien und Sozialstrukturen aller Länder, sowohl die der Überschussländer als auch der Defizitländer, müssen komplett umstrukturiert werden. Das braucht Zeit. Einige Jahre werden es wohl sein. Die USA zum Beispiel müssen ihren Hochtechnologiesektor weg von der Waffenproduktion zurückführen zu wettbewerbsfähigen, zivilen Gütern. Sie müssen einfache Güter wieder im eigenen Land herstellen. Der letzte Teil gilt auch für die Schuldenländer Europas.

Damit diese Umstellung unblutig vonstatten gehen kann, wird es notwendig sein, noch für die Dauer einer Übergangszeit das alte System unter Kuratel weiterzuführen. Allerdings muss den Menschen vor allem in Deutschland die Wahrheit gesagt werden. Es ist unumgänglich, dass auch die deutschen Arbeiter für eine begrenzte Zeit weiterhin etwas von ihrer großen Leistung an bedürftige Länder abgeben. Sie werden das aber nur freiwillig tun wollen in dem Bewusstsein, dass sie erstens eine gute Tat vollbringen und zweitens die klare Aussicht auf eine bessere Zukunft haben können. Dasselbe gilt für China und die anderen Exportnationen.

Wie gesagt, Griechenland und reduziert auch Italien haben den Weg beschritten, der eine Existenz nach dem Crash ermöglichen wird. In Übersee sehe ich allerdings nicht einmal einen Ansatz, der in diese Richtung führen könnte. Die „occupy Wall-Street“ Bewegung ist zwar grundsätzlich zu begrüßen, aber die Akteure sind sich offenbar nicht bewusst, dass sie an dem Ast sägen, von dem gerade jetzt ein Großteil ihres (Staats-)Einkommens abhängt.

Die jüngsten Versuche der USA, mit haarsträubenden Propagandalügen ein Kriegsszenario gegen den Iran aufzubauen, lassen die Befürchtung zu, dass die USA keineswegs ihre Wirtschaft und Gesellschaft konsolidieren wollen, um damit ihr Außenhandelsdefizit zurückzuführen. Vielmehr sieht es so aus, dass die USA die Welt weiterhin mit Kriegen überziehen wollen, um ihr Außenhandelsdefizit fortführen zu können. Hierzu zählt auch der Krieg gegen den Euro, der mit Hilfe der Ratingagenturen leider ziemlich erfolgreich ist.

Es ist sonnenklar, dass nach einem Crash, egal wie er abläuft, Deutschland, der Exportweltmeister, der große Gewinner sein wird. Wie vor 100 Jahren ist jedes Mittel recht, genau das zu verhindern. Vor 100 Jahren konnte das British Empire noch einen realen Krieg herstellen, um Deutschland klein zu machen. Heute wird ein Handels- und Wirtschaftskrieg geführt und dieser ist teuflisch effektiv.

Das Perverse daran ist, dass unsere eigene Regierung, Merkel und Schäuble, in diesem Krieg nicht auf der Seite des deutschen Volks stehen. Sie handeln vor allem im Interesse des anglo-amerikanischen Kapitals, indem sie den Deutschen vorlügen, sie hätten über ihre Verhältnisse gelebt – wieder besseres Wissen.

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Die Geschichte darf sich nicht wiederholen. Deswegen muss mit alten Geschichtslügen aufgeräumt werden. Lesen Sie zum Verständnis, warum die Welt an einem ähnlichen Punkt ist, wie vor 100 Jahren, das Buch "Öffnet internen Link im aktuellen FensterEngland, die Deutschen, die Juden und das 20. Jahrhundert".

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