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Quo vadis Kosovo - Serie über den jüngsten Europäer - Teil 18

Der Mann hat Star-Potenzial: Wer Robert De Niro liebt, könnte Kadri Veseli für den Bruder des populären Schauspielers halten. GT sprach mit dem Ex-Chef des Geheimdienstes SHIK der ehemaligen kosovarischen Partisanenarmee UCK, der sich zur Zeit für die Politik rüstet, in Pristina, Kosovo: Über Krieg und Frieden, Verbrechen und die Mission für ein neues, ein friedliches Kosovo - für ein europäisches Land.

 

Die neu gewonnene Ehre der Männer aus den Bergen – ein Gespräch mit Kadri Veseli, Ex-Geheimdienstchef der UCK

Von Norbert Gisder
24.12.2011

 

Es ist sicher kein Zufall, dass da dieser Wagen vor dem Nobelrestaurant „Pouro“ oberhalb des alten Zentrums der Hauptstadt steht, denke ich, beobachte die beiden, gelbhäutigen, sommersprossigen „Jungs“ mit breitem Kreuz und roten Haaren darin. Mir fallen die ausgebeulten Jacketts auf. Nicht gerade James-Bond-Typen, aber ohne Zweifel von derselben Firma, die offensichtlich Milchbubigesichter nicht als Ausschlusskriterium sieht. Es ist ein kalter Tag in Pristina, Kosovo, der 12. Dezember 2011. Der ehemalige Geheimdienstchef der einstigen Partisanenarmee UCK hat mich zu einem Mittagessen mit Gespräch über Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft des Kosovo eingeladen. Kadri Veseli gilt als einer der großen Männer der Politik von Morgen in dem kleinen Balkanland mit der gesamteuropäischen Bedeutung.

Ebenso wenig ist es ein Zufall, dass ein völlig neues Mineral in einer strategisch besonders bedeutsamen Lithium-Lagerstätte in Serbien ausgerechnet von Engländern entdeckt worden ist: Jadarit heißt der Schatz – benannt nach der zentralserbischen Region Jadar, südlich von Belgrad gelegen (Breitengrad: N 43°52'26.5526'' Längengrad: E 21°19'3.1091''). 2007 wurde das Mineral entdeckt und im National History Museum London ausgestellt. Der Spiegel schrieb sich lustig frei – indem er die Superman-Schadsubstanz „Kryptonit“ bemüht, mit der der neue Stoff tatsächlich nahezu formelgleich ist: NaLi[B3SiO7(OH)] kennzeichnet die chemische Zusammensetzung.

Überhaupt kein Zufall und auch gar nicht lustig sind die Gründe hinter den Gründen für den Mann, den ich im exklusiven Speiserestaurant „Pouro“ oberhalb der Altstadt von Pristina treffe: Kadri Veseli ist ein charismatischer Kämpfer. Früher kämpfte er als Partisan in den Bergen, kooperierte als Chef des UCK-Geheimdienstes SHIK Seite an Seite mit amerikanisch gesteuerten, albanischen Todesschwadronen, wie man unter anderem im Balkanblog nachlesen muss. Heute kämpft Veseli immer noch – nun aber in Schlips und Kragen. Ihm gehe es um Recht und Ordnung in einem Land, dem voreingenommene Seelen gerade Recht und Ordnung am allerwenigsten zutrauen, sagt er. Nach Jahren der Recherchen auf dem Balkan denke ich: Weil sie selbst Recht und Ordnung permanent im Rausch des Chaos und der Korruption, der gegenseitigen Vorwürfe um Waffen-, Drogen-, Organ- und Frauenhandel zerreiben.

Was ist die Wahrheit in einem Land, in dem die Mächte der Welt ihre Interessen und Begierden – nach Rohstoffen, strategischen Metallen und Mineralien, politischen und geostrategischen, militärischen Einflüssen  - hinter dem postulierten doch oft nur vorgeschobenen Einsatz für die Menschenrechte verbergen und ihr tatsächliches Tun allzu oft verschleiern? Darum kreisen meine Recherchen.

Nun habe ich einen vor mir, der mich mit wasserhellen, klaren, offenen Augen anschaut; der dieser kleinen, europäisch und international immer noch gesteuerten Demokratie ein Stück Zukunft in Selbstbestimmung zu verheißen verspricht.

Als Journalist muss man streng bleiben. 

Als Chronist einer Entwicklung, die scheinbar nur ein kleines Land auf dem Südwestbalkan betrifft, tatsächlich aber Europa insgesamt gefährden kann, wenn die Explosivität von Entscheidungen und Ungerechtigkeiten (gegenüber Minderheiten wie Mehrheiten, Besatzern wie Ethnien in der Region) zum Flächenbrand zu werden drohen, darf man auch einem Ex-Geheimdienstchef gegenüber nicht weich werden, wenn man ihn denn schon mal zu fassen bekommt.

 

"Haben Sie schon einmal einen Menschen erschossen?"

„Haben Sie schon einmal einen Menschen erschossen?“ frage ich.

Es ist meine erste Frage, ich stelle sie Kadri Veseli, in die Begrüßung hinein just in dem Augenblick, als er mir die Hand reichen will.

Mit klarem Blick schaut mich Veseli an.

„Ich hatte eine Waffe – und ich habe sie auch benutzt. Ich wäre vielleicht kein guter Partisanen-Soldat gewesen, wenn ich nicht auch getroffen hätte. Gesehen habe ich keinen durch mich getöteten Gegner. Also kann ich Ihre Frage nicht mit Ja beantworten. Verneinen werde ich sie aber auch nicht. Denn ich bin sicher, ich war ein guter Partisan.“

Dann greift seine Hand in meine. Es ist ein fester Händedruck. Kein nasser Lappen, wie ihn so viele Politiker in die waschlappenschlappen Hände von Parteifreunden legen, die ihnen die Feinde ersetzen.

Vor der Tür frieren die rotbäckigen James-Bond-Verschnitte. An einem der Nachbartische findet sich der stellvertretende Premierminister zu einem „Arbeitsessen“ mit Außenminister Enver Hoxhaj ein. Man kennt sich, man umarmt sich. „Schön, Sie zu sehen.“ – „Eine Ehre, Sie im Land zu wissen.“

Kadri Veseli schaut mich an, sagt: „Sie sind Journalist, ich habe viel von Ihnen gehört und es ist mir eine Ehre, dass Sie sich für uns, die Männer aus den Bergen und für unsere neu gewonnene Ehre in einem souveränen Kosovo interessieren.“

Wäre das ein Telefonat, würde ich jetzt auflegen. Wir sitzen uns jedoch im Restaurant „Pouro“ direkt gegenüber. Das Restaurant ist der gesellschaftsfähige „Arbeitsplatz“ der Eliten Europas, die sich in Kosovo an den schweren Tischen und in den intimen Sitzecken über der Altstadt von Pristina zu ihren täglichen Hintergrundgesprächen treffen, um beim großen Monopoly in diesem kleinen Land ein Wörtchen mitzureden. 

„Too much flattery, Mr. Veseli“, antworte ich also und wir beginnen, das, was die einstigen Partisanen des Kosovo während und nach dem Jugoslawien-Krieg 1999 bis zur Staatsgründung 2008 und seither an Strategien entwickelten, zu einem zunächst dünnen Gesprächsfaden zu knüpfen.

Es war Krieg, es gab furchtbare Verbrechen

Welche Auswirkungen haben die Unruhen an den Grenzen zu Serbien auf Entscheidungen im nationalen Parlament? Welche Statements welcher Parteien bringen welche Implikationen mit sich? Wie hat das Nachbarland Albanien einst geholfen und wie hilft Albanien aktuell? Wie definieren die Kosovaren ihre nationale, ethnische und souveräne Entwicklung? Und gibt es für die heutigen Staatslenker überhaupt eine Zukunft – angesichts der Verbrechen, die ihnen, den Männern, die in den Bergen kämpften, von serbischer Seite vorgeworfen werden?

Es war Krieg; der Krieg ist mit dem Einmarsch von Nato und Gründung der KFOR nicht zu Ende gewesen, sagt Veseli.

„Es gab in der Tat die furchtbarsten Verbrechen – auf beiden Seiten.“ Veseli schaut mich an: Kinder, die ansehen mussten, wie ihre Väter vor ihren Augen von nationalistischen Serben erschossen wurden, die den Kosovo von der albanischstämmigen Bevölkerungsmehrheit „reinigen“ wollten, sind erwachsen geworden und haben die Waffen nicht aus den Händen gegeben. Zugleich haben sie die Waffen ihres Verstandes und ihrer Worte geschärft und begonnen, staatliche Strukturen aufzubauen. Es war aber immer noch Krieg, ein dreckiger, gemeiner, an vielen Fronten geführter Krieg, sagt der Ex-SHIK-Chef. Er weicht meinem Blick ebenso wenig wie meinen Fragen aus. „Was hätten Sie getan? Würden Sie es zulassen, wenn Ihre Kinder und Eltern geschändet und gemordet werden?“

Ich denke an Verbrecher des 2. Weltkrieges, die schon kurz nach der Währungsreform 1949 in Amt und Würden zurückgekehrt sind; an andere Verbrecher in anderen Ländern, die überhaupt nicht aufgehört haben mit ihrem Tun. Ich denke an Hunderte Kriege seither in aller Welt. Immer verbunden mit Verbrechen und Verrat. Immer mit Schuld, die in den seltensten Fällen zur Sühne herangezogen wurde, wenn es sich um die Schuld der Sieger handelte.

„Ja, es gab Verbrechen, aber das darf nicht dazu führen, dass eine ganze Nation politisch an den Rand gestellt wird“, sagt Veseli. „Es war Krieg. Doch nun haben wir, die wir um unser Leben und das unserer Familien gekämpft haben, eine Mission. Die müssen wir seriös verfolgen.“

 

Gibt es Freunde auf diesem Weg? Wie hilft Albanien? will ich wissen.

„Ja, es gibt Freunde. Falsche und echte. Ich bin Albaner und stolz darauf. Aber ich bin Kosovar von meiner Nationalität. Und auch darauf stolz. Wir müssen das, was zu tun ist, als Kosovaren schaffen.“

Was ist das?

„Wir dürfen uns nichts vormachen: Serbien hat den Krieg gegen die Nato verloren, benimmt sich aufgrund alter und ungerechter Verhältnisse aber wie ein Sieger. Serbien wird niemals seine eigenen Verbrechen anklagen. Das  m u s s  die internationale Gemeinschaft erreichen. Sonst ist der Brand nicht zu stoppen.“

Hilft Mazedonien?

„Auch in Mazedonien leben viele Albaner. Aber Mazedonien macht eine Politik zuerst für Mazedonien. Und wir werden die Albaner im Land nicht gegen ihre Regierung aufbringen. Wir als Kosovaren brauchen auch ein stabiles Mazedonien. Ebenso wie ein stabiles Montenegro und ein prosperierendes Albanien. Der freie Markt mit diesem Nachbarn funktioniert, das hilft. Mit anderen Ländern wird politisch mehr proklamiert, als in der Realität tatsächlich gemacht wird. Das müssen wir ändern.“

Mit welchen Prioritäten?

„Die Priorität ist, in allen Bereichen unabhängig zu werden; wir wollen die Wirtschaft entwickeln und wir wollen den Wohlstand verbessern. Europäische Nationen, die uns dabei helfen möchten, sind willkommen; und wir werden die Rules of Law respektieren, die sie uns definieren.“

Gibt es schon Kontakte mit der Wirtschaft in Deutschland?

„Ja, aber nicht ausreichend. Porsche, Mercedes und die anderen Großen sind noch nicht da, obwohl wir ihnen mehr bieten könnten, als viele Länder, in denen sie schon viel Geld verdienen. Die Türken haben das erkannt. Die Türken kaufen in Kosovo zur Zeit alles, was es zu kaufen gibt. Das ist vor allem für die türkische Wirtschaft von großem Vorteil. Für unsere Ambitionen in einem gemeinsamen Europa ist das allerdings leider eher schädlich.“

Von welchen Bereichen profitiert die Türkei?

Staatsbetriebe werden an Freunde mächtiger
Besatzer-Nationen verscherbelt

Kadri Veseli: „Der Flughafen, die Elektrizität, die Telekom Kosovo scheinen unwiderruflich vergeben. Die Türken machen es. Ich persönlich empfinde es als sehr peinlich, wenn wir als europäisches Land so weit reichend unter türkischen Einfluss geraten, nachdem wir uns gerade erst vor 100 Jahren von einer 500jährigen, osmanischen Tyrannei befreit haben. Die jetzige Entwicklung birgt das Risiko, uns zu killen. Ihre Fortschreibung würde die Selbstbestimmung der Kosovaren über ihre nationalen Resourcen blockieren.“

Ich werfe ein, über einen Verkauf der Telekom solle demnächst doch erst eine erneute Ausschreibung erfolgen. Das sei richtig, sagt Veseli, wird etwas leiser und erinnert daran, dass das Amselfeld nach wie vor von der europäischen Rechtsstaatsmission EULEX, der UN-Mission Unmik sowie einem übermächtigen amerikanischen Freund bestimmt werde; letzterer vor allem präferiere die türkische Telekom als Käufer des Fernmeldenetzes des Kosovo. „Man versucht von dieser Seite auch, die deutsche Telekom, ebenfalls interessiert, aus dem Land herauszudrücken“.

Ich erinnere an den Chromerztagebau zwischen Malisheva und Llapceva unweit von Pristina, der gerade erst von einem Konsortium unter deutscher Führung in Betrieb genommen wurde. Es ist der größte Abbau dieses wichtigen Elements in ganz Europa.

Das sei richtig, sagt Veseli, und er begrüße vor allem die demokratische und effektive Unternehmenskultur dieses Bergbauvorhabens.

Dann senkt er nachdenklich die Stimme, sagt: Und es gibt auch noch ungezählte weitere Möglichkeiten auf diesem Sektor. „Wir sind reich an Kohle – unter mehr als 70 Prozent der Fläche des Kosovo Polje gibt es Kohle und die erlebt eine große Renaissance. Vor allem nach dem Gau des Atomkraftwerkes von Fukushima spüren wir die Nachfrage. Aber auch da stehen leider andere als deutsche Firmen in der ersten Reihe der Bewerber um Lizenzen – deutsche Firmen werden bewusst durch Fehlinformationen aus den Bieterwettbewerben herausgedrängt. Bei der Kohle sind wiederum die Türken vorn, gefolgt von Indonesiern.“

Veseli schaut mich an, zuckt die Schultern, sagt in bestem Deutsch: „Vor allem europäische Militärs haben den Genozid an den Kosovaren verhindert. Die Wirtschaft des Landes aber wird – oft gegen unsere Interessen – an außereuropäische Länder verkauft. Wir haben das Gefühl, damit werden wir verkauft. Wir aber denken, der Kosovo ist eine große Investition vor allem für Europa. Die sollte nicht nach Asien gehen. Auch wenn wir zu 90 Prozent Muslime sind, so sind wir pragmatische Muslime, es gibt (noch) keine Radikalität und keine islamistischen Ambitionen.“ Europa sollte es nicht dazu kommen lassen, dass die Frustration ebensolche schaffe.

Pause. Der Mann aus den Bergen, der in der Schweiz und in Deutschland gelebt hat, Firmen besaß und besitzt, könnte dennoch ein intensives Personal-Coaching vertragen. Ebenso einen soliden Typberater, um vor westeuropäischen Fernsehkameras zu überzeugen. Denn irgendwie wirkt er mitunter allzu devot. Hilflos. 

Nun zuckt er die Schultern. „Was sollen wir machen?“ 

Die Ratlosigkeit ist nicht gespielt. Aber hinter den klugen Blicken des einstigen Partisanen, dessen Zeit als Krieger unwiderruflich einer Zeit auf der politischen Bühne einer demokratischen Entwicklung gewichen ist, funkelt schon eine neue Hoffnung.

„Unsere Chance ist, das Business zu lernen. Es ist vielleicht unsere einzige Chance. Wir müssen das Business lernen, schnell lernen. Das gilt für die Politik, die Wirtschaft, aber auch für alle Formen der kulturellen und gesellschaftlichen Strukturen. Heute wird im Geschäftsleben in Kosovo türkisch gesprochen, wir aber wollen deutsch sprechen. Wir wollen das Goethe-Institut im Land haben. Die Friedrich-Ebert-Stiftung ist schon da. Aber wir wollen auch die anderen deutschen Kultur- und Bildungsinstitute. Und wir wollen Investitionen aus Deutschland. Die bisherigen Donationen – Schenkungen, sicher gut gemeint und großzügig dimensioniert – reichen nicht. Wir brauchen Investitionen und die Menschen in unserem Land brauchen Arbeitsplätze bei Arbeitgebern mit westeuropäischer, am besten deutscher, humanistischer Kultur.“

Deutsche Investoren willkommen

Man müsste diese Sätze in Stein meißeln, denke ich. Man müsste sie in die Köpfe der Menschen in Deutschland bringen. Man müsste sie: veröffentlichen … aber genau das versuchen allzu viele zu verhindern.

(Lesen Sie dazu die Analyse: Öffnet internen Link im aktuellen FensterKosovo und der Balkan in Europa 2012, über die transatlantische Allianz und die alten Intrigen)

Veseli schaut mich an – und nun liegt die ehrliche Frage in seinem Blick: Wissen Sie, wie wir das erreichen könnten?

Ja, tatsächlich, ich wüsste es.

Veseli fragt: „Ist es nicht infam, wie gesteuerte Propaganda gerade in Deutschland die Angst vor der Visafreiheit für unser so kleines Volk von weniger als zwei Millionen Menschen mehr in die Öffentlichkeit zu tragen bereit ist, als die Möglichkeiten, die Investoren hierzulande hätten? Ist es nicht niederträchtig, wie die Angst, der Kosovo exportiere vor allem Kriminalität, propagiert wird? Es ist eine Beleidigung für unsere gesamte, ohnehin schon gequälte Nation. Und es ist falsch. Denn die Kriminalität findet – mit oder ohne Visafreiheit – immer ihren Weg. Die Kriminellen waren schon lange vor der staatlichen Unabhängigkeit des Kosovo in Deutschland. Die Visafreiheit brächte hingegen den Austausch von Kultur und Geist, von Denken und Freiheit, von Entwicklung und Freundschaft. Verschweigt das die Propaganda, weil es auch in Deutschland Mächte gibt, die die Prosperität auch der deutschen Wirtschaft auf dem Balkan verhindern wollen?“

Ich denke an Gespräche mit englischen und amerikanischen, türkischen und italienischen Geschäftsleuten, die ich dieser Tage sowie zuvor schon auch bei meinen Recherchen in Serbien hatte. Wenn ich fragte, was ihre Geschäftsfelder seien, so antworteten sie, sie arbeiteten „in Rohstoffen“. Toll. Und nun? Nun erzählten sie mir von den „traditionellen Rechten“ ihrer heimischen Companies – an den Nickelminen im Norden des Kosovo zum Beispiel, um deren Ausbeutungsrechte die Engländer zur Zeit kämpfen. Manche flüstern es nur hinter vorgehaltener Hand, dass man auch im Kosovo Lithium, das wirtschaftsstrategisch wichtigste Metall überhaupt, vermute, welches man in Serbien bereits fördere. Andere sprechen von „seltenen Erden“ für die Halbleiterproduktion und von neuen Märkten weiterer strategisch bedeutsamer Metalle und Mineralien, die in der Erde des Kosovo Polje in größeren Mengen als andernorts auf dem jahrhundertemillionenalten Balkanrücken zu finden seien.

Dass es im Norden des Kosovo immer wieder zu Unruhen kommt, ist diesen Herrschaften gerade recht: Es steigert ihren Einfluss in einem Land, in dem die Menschen Hilfe brauchen. Wer da behauptet, er helfe, hat immer auch ein Wörtchen über das „wie“ im Entwicklungsverlauf mitzusprechen. Veseli weiß das – will es ändern: Die „gezielten Kampagnen von Serben und Türken und anderen dahinter“ dürfen nicht länger bewirken, dass die neue, tatsächlich vorhandene, die demokratische Kultur der neuen Staatslenker des Kosovo hinter den Nebeln der Demagogie verzerrt wird. 

Vom Stolz auf die kosovarische Identität

Veseli spricht vom „Stolz einer demokratischen, kosovarischen Identität“. Und er wiederholt seine Kernbotschaft gern: „Unsere Generation hat eine Mission. Wir müssen es erreichen, dass die Menschen in Europa im positiven Sinn die kosovarische Identität erkennen. Denn es ist eine europäische Identität – und nur in Europa zu Hause. In Asien ginge sie einer neuen Knechtschaft entgegen, die einen weiteren Genozid nicht ausschließen könnte.“

Ich erinnere mich an eines der Gespräche mit Koha Ditore-Chefredakteur Agron Bajrami, in dem dieser sogar noch weiter ging und klar und deutlich gesagt hat, dass in Kosovo ein revolutionäres Potenzial nahezu automatisch freigesetzt werden würde, wenn man den Menschen nicht klare, demokratische und westeuropäische Perspektiven geben würde. Also frage ich Veseli, wie aktuell er, als Ex-Geheimdienstchef ein intimer Kenner zahlreicher geheimer Dossiers, die Gefahr neuer Gewalt auf dem Balkan, durch Kosovaren inspiriert, sieht.

Veseli schaut zur großen Fensterfront des noblen Restaurants hinaus. Der Vizepremierminister, zwei weitere Minister und der Außenminister sind in einer wort- und gestenreichen Diskussion verstrickt. Leise erhebt der Kämpfer, der aus den Bergen kam und heute die neue Ehre der Partisanen in einer ethischen Politik vertreten will, seine Stimme, sagt: „Diese Gefahr gibt es nicht mehr. Wir haben zu lange unter Gewalt gelitten. Wir werden das Trauma loswerden. In Kosovo sind wir auf einem guten Weg dahin. Alles, was wir jetzt noch brauchen, ist das konkrete Einmaleins für Verhandlungen, die wir mit einem Europa führen können, das mit einer Stimme zu uns spricht.“

Die zwei Rotbäckchen in ihrer anthrazitfarbenen Limousine lassen den Motor ihres Wagens an, als wir das Restaurant verlassen. „Wir haben durch den Krieg eine Generation verloren“, sagt Veseli, während er mir zum Abschied die Hand reicht. „Viele Familien mussten ihre Söhne in kriminelle Geschäfte anstatt in Universitäten entlassen, um zu überleben. Diese furchtbaren Zeiten sind vorbei – helfen Sie uns bitte mit einer fairen Berichterstattung, dass sie nicht wiederkehren.“

Mein Taxi wartet. Ich steige ein. Veseli hebt die Hand zu einem letzten Gruß. Mein Taxi fährt mich in Richtung Pristina-Mitte, wo ich einen Termin mit einem Regierungsvertreter habe. Die Limousine mit den beiden Rotbäckchen vor dem „Pouro“ steht schon nahe dem Parkplatz, als ich in der brodelnden City von Pristina ankomme.

Mein Termin verschiebt sich etwas nach hinten, sagt mir der Berater im Vorzimmer meines nächsten Gesprächspartners in der Stadtmitte von Pristina: Der britische Botschafter sei gerade – unangemeldet – hereingeschneit. Bei dem Wort „unangemeldet“ zieht der Berater bedeutungsvoll die linke Augenbraue hoch. Es ist ein kalter Dezembertag – im offiziellen Pristina, der Hauptstadt des Kosovo, des jüngsten Europäers, haben Besatzer auch drei Jahre nach der Unabhängigkeit immer noch Vorrang: vor Journalisten ebenso wie vor vielen der nationalen Interessen des Landes, dessen Menschenrechte sie doch zu schützen vorgeben.

 

Die ganze Serie in GT:

 

Öffnet internen Link im aktuellen FensterTeil 1: Quo vadis Kosovo ... - worum es geht. Von Norbert Gisder 05/2011

Öffnet internen Link im aktuellen FensterTeil 2: Albin Curti - Rebell der Herzen und des Verstands 06/2011

Öffnet internen Link im aktuellen FensterTeil 3: Atifete Jahjaga - jüngste First Lady Europas 06/2011

Öffnet internen Link im aktuellen FensterTeil 4: Bildung ist die beste Medizin 06/2011

Öffnet internen Link im aktuellen FensterTeil 5: Ein Gymnasium für den Kosovo - Wege aus der Zerrissenheit 06/2011

Öffnet internen Link im aktuellen FensterTeil 6: Bildung, Kultur, Schule - Grundlagen für Frieden im Land 06/2011 

Öffnet internen Link im aktuellen FensterTeil 7: Alles über die Asociation "Loyola-Gymnasium", Prizren, Kosovo 06/2011

Öffnet internen Link im aktuellen FensterTeil 8: Offizielle Außenpolitik - Rede des Bundesaußenministers 05/2011

Öffnet internen Link im aktuellen FensterTeil 9: Mitrovica - der Norden des Landes der Skipetaren bleibt unruhig 05/2011

Öffnet internen Link im aktuellen FensterTeil 10: Der Außenminister des vergessenen Volkes - Interview mit Enver Hoxhaj (1) 08/2011 

Öffnet internen Link im aktuellen FensterTeil 11: Kriminelle, Unruhen und das Verhältnis zu Serbien - Hoxhaj-Interview (2) 08/2011

Öffnet internen Link im aktuellen FensterTeil 12: Serbia's Economic Nonsense 08/2011

Öffnet internen Link im aktuellen FensterTeil 13: Nightmare of a Kosovo Serb - by Getoar M. Mjeku 07/2011

Öffnet internen Link im aktuellen FensterTeil 14: Serbiens Aggressoren, Schüsse auf die KFOR - Kommentar von Norbert Gisder 07/2011 

Öffnet externen Link in neuem FensterÜbersetzung (albanisch): RTK - Koment: Agresioni paramilitar serb dhe plumbat për KFOR-in

Öffnet internen Link im aktuellen FensterTeil 15: "Gut getan, Frau Merkel", Kommentar von Agron Bajrami 12/2011

Öffnet internen Link im aktuellen FensterTeil 16: Kosovo: Der größte Chromerztagebau nimmt seinen Betrieb auf 12/2011

Öffnet internen Link im aktuellen FensterTeil 17: Bundeskanzlerin Merkel in Kosovo – ein Staatsbesuch 12/2011  

Öffnet internen Link im aktuellen FensterSerbeze Haxhiaj über die Menschen - zum Staatsbesuch von Angela Merkel 12/2011

Öffnet internen Link im aktuellen FensterTeil 18: Kadri Veseli und die neu gewonnene Ehre der Männer aus den Bergen 12/2011

Öffnet internen Link im aktuellen FensterTeil 19: Transatlantische Allianz und alte Intrigen 2012 - Analyse von Norbert Gisder 12/2011

 

Die Serie über den Kosovo - mit Strahlkraft auf den gesamten Balkan, bisher traditionell das Pulverfass Europas - wird fortgesetzt. 2012 erscheint außerdem das Buch von Norbert Gisder: "Sie gingen über Leichen ..." - Aspekte, Hintergründe und Kommentare zur aktuellen Balkankrise.

 

Öffnet internen Link im aktuellen FensterMehr Kosovo

Öffnet internen Link im aktuellen FensterMehr Länder in GT

Öffnet internen Link im aktuellen FensterMehr über die Bundeswehr

Öffnet internen Link im aktuellen FensterMehr Gesellschaft

 

Sowie über die Entdeckung des neuen Minerals in Serbien: 

spiegel.de/wissenschaft/natur/0,1518,479015,00.html

 

 


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