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Schatten der Hybris
über dem Land der aufgehenden Sonne

Von Hubert von Brunn
02.04.2011

Wie nähert man sich nach gut drei Wochen jener Dreifach-Katastrophe, die den Wirtschafts- und Technologieriesen Japan ins Wanken brachte?

Wie nähert man sich den apokalyptischen Bildern von Menschen, die verloren in einer Wüste von Trümmern und Zivilisationsmüll nach ihren letzten Habseligkeiten suchen, von Menschen, die frierend, ohne ausreichend Essen und Trinken in Turnhallen zusammenkauern?

Sie haben alles verloren. Ihr Hab und Gut, ihre Existenz, Ihre Heimat, die meisten von ihnen auch Familienangehörige, Freunde, Kollegen, Nachbarn, um die sie trauern, die sie jedoch nicht einmal beerdigen können, weil sie nicht geborgen werden.

Wie nähert man sich diesem undurchsichtigen Konstrukt aus Desinformation, Vertuschung, Beschwichtigung und zynischer „Alles-halb-so-schlimm“-Propaganda bei gleichzeitig offenkundiger Hilflosigkeit, dem bereits einsetzenden Supergau in Fukushima entgegenzutreten?

Das japanische Volk und die ganze Welt werden täglich mit Lügen, bestenfalls mit Halbwahrheiten hingehalten und letztlich für dumm verkauft. AKW-Betreiber und Behörden sind extrem verfilzt, so viel weiß man. Wer mit wem wie viele Leichen im Keller hat, ist unklar. Sicher ist nur, dass angesichts dieser mafiösen Strukturen eine seriöse, allein der Wahrheit verpflichtete Informationspolitik nicht möglich ist. Was bleibt, sind Scheingefechte, inklusive Schwächeanfall eines Tepco-Managers.

Hauptsache, der gemeine Japaner übt sich weiter in stoischer Gelassenheit, muckt nicht auf und verharrt in der ihm eigenen obrigkeitsgläubigen Duldsamkeit. Hauptsache das Gesicht bleibt gewahrt. Was hinter den rauchenden Trümmern der Meiler von Fukushima wirklich vorgeht, hat keinen zu interessieren.

Wie also kann man diesem verheerenden Unglück, das dunkle Schatten über das „Land der aufgehenden Sonne“ wirft, schreibender Weise gerecht werden? – Jenseits des allenthalben bekundeten Mitgefühls und der aus sicherer Distanz zum Ausdruck gebrachten Betroffenheit, aber auch jenseits der Hysterie, die hierzulande bei nicht wenigen Zeitgenossen bereits zu einer Art Kernschmelze im Gehirn geführt hat. Wie sonst sollte man den Run auf Jodtabletten und Geigerzählern im mehr als 9.000 km entfernten Deutschland interpretieren? Nicht zuletzt das Ergebnis der Landtagswahlen vom vergangenen Sonntag in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz ist Ausdruck eines völlig irrationalen Panikverhaltens.

Dem ganzen Ausmaß der Katastrophe in Japan in einem Beitrag gerecht zu werden, ist unmöglich. Deshalb will ich versuchen, meine Gedanken auf zwei sich widerstreitende Begriffe zu fokussieren: Hybris und Demut.

Was geschah am 11. Februar 2011? Ein selbst für Japan ungewöhnlich heftiges Erdbeben der Stärke 9 tobt minutenlang und löst einen gigantischen Tsunami aus, dessen zehn Meter hohe Wasserwalze mit einer irrsinnigen Geschwindigkeit von 800 km/h auf die Küste zurast und binnen weniger Minuten eine Fläche von rd. 50 qkm vollkommen verwüstet. Hervorgerufen durch diese beiden Naturereignisse schließlich die Havarie der Atomreaktoren von Fukushima. Haiti 2010 + Thailand 2004 + Tschernobyl 1986 = Japan 2011. Das ist heftig. Das ist selbst für ein so weit entwickelt Land wie Japan zu viel.

Die Folgen des Erdbebens allein hätten die Söhne und Töchter Nippons vergleichsweise mühelos verkraftet. Damit hatte man Erfahrung, und die Zahl der zu beklagenden Opfer hätte sich in Grenzen gehalten. Dann aber kam der Tsunami und fegte Städte und Dörfer eines ganzen Landstrichs hinweg. Darauf war man nicht vorbereitet. Die bisher registrierten Todesopfer und die hohe Zahl der noch Vermissten gehen (bis jetzt) vor allem auf sein Konto. Hier setzt die Hybris ein.

In der tektonisch unruhigsten Ecke dieser Welt gelegen, musste der Inselstaat Japan, in dem Erdbeben an der Tagesordnung sind, damit rechnen, dass die Kontinentalplatten einmal so vehement aneinander geraten, dass diese Erschütterung auch eine veritable Mörderwelle produzieren kann (wie jetzt geschehen).

Aber daran wollen offensichtlich weder Politiker noch Techniker einen Gedanken verschwenden. Wie sonst war es möglich, dass man unmittelbar an die Pazifikküste mehrere Atomkraftwerke bauen konnte? Amerikanische Technik, vor 40 Jahren eins zu eins nach Japan importiert, mit Sicherheitsgarantien für Erdbeben bis Stärke 8,2. Großartig, 8,2 muss also genügen, weil amerikanische Ingenieure diesen Grenzwert für die wesentlich weniger erdbebengefährdeten Standorte in ihrem Land einmal so berechnet hatten. Tsunamis kamen in ihren Katastrophenszenarien nicht vor. Aber Japan ist nicht die USA, und die Japaner hätten es besser wissen müssen.

Die Hybris setzt sich fort. Erdbeben der Stärke 9 blenden wir aus, und Tsunamis mag es sonst wo geben, aber nicht bei uns – dachten sich wohl die für den Bau der AKWs Verantwortlich in Japan. Das Dumme ist: Die Natur kümmert sich nicht im Mindesten um die Berechnungen irgendwelcher Wissenschaftler und Ingenieure. Die Natur ist unberechenbar und macht, was sie will. Sie schreibt ihr eigenes Drehbuch und führt auch Regie. Die Natur, nicht der Mensch!

Das erst recht, wenn man in unverantwortlicher Weise in sie eindringt. Keine andere wissenschaftliche Disziplin hat in der Geschichte der Menschheit bisher so dreist in die Intimsphäre der Natur eingegriffen wie die Atomphysik – und damit eine schreckliche Büchse der Pandora geöffnet.

So lange der Mensch eine tödliche Gefahr sinnlich wahrnehmen kann, hat er eine potenzielle Chance, sich davor zu schützen. Er kann ihr von vorn herein aus dem Weg gehen, Deckung nehmen oder aktiv Gegenmaßnahmen ergreifen. Radioaktive Strahlen sind nicht zu sehen, nicht zu riechen, nicht zu hören, nicht zu schmecken und nicht zu greifen – aber sie sind tödlich. Und als sei dies nicht schon Heimtücke genug, wirkt ihr Vernichtungspotenzial nicht punktuell, sondern allumfassend, nicht akut, sondern latent – und das auf sehr lange Zeit. Plutoniumstrahlen sind 24.000 Jahre lang wirksam.

Hier gerät die menschliche Hybris ins Groteske. Gefährliche Prozesse zu initiieren, die für 750 nachfolgende Generationen eine existenzielle Bedrohung bedeuten, ist ein an Rücksichtslosigkeit nicht zu überbietender Akt wissenschaftsgläubiger Selbstverliebtheit.

Die Ereignisse in Japan halten der ganzen Welt – insbesondere natürlich den hoch entwickelten Industrienationen – einen Spiegel vor Augen, und das Menetekel, das darin erkennbar wird, sagt: „Halt! Es ist genug, Mensch! Besinne dich, wer du bist und was deine vornehmste Aufgabe ist: Die Welt ein wenig besser zu verlassen als du sie vorgefunden hast. Überhebe dich nicht, sondern zeige Demut vor der Natur, denn sie ist stärker als du jemals sein wirst.“

Die Menschheit hat es geschafft, sich mit ihrer Technologiegläubigkeit in einen existenziellen Flaschenhals zu manövrieren, und wenn nicht ein fundamentales Umdenken einsetzt, wird die ganze Flasche in nicht allzu ferner Zukunft explodieren.

Mit Umdenken meine ich nicht, dass überzeugte Parteigänger der CDU im Schwabenland plötzlich Grün wählen, weil sie denken, mit ihrer Wahlentscheidung den Stecker aus allen AKWs in Deutschland ziehen und so die Welt vor einer atomaren Katastrophe retten zu können.

Das ist kindisch und naiv und bringt uns keinen Schritt weiter. Dass wir uns über kurz oder lang von der Kernenergie verabschieden, steht außer Frage, nur von jetzt auf nachher geht es nicht. Außerdem: Diese Büchse der Pandora ist längst geöffnet, und mit den atomaren Hinterlassenschaften werden sich, wie gesagt, noch viele Generationen nach uns auseinandersetzen müssen.

Das fundamentale Umdenken, das ich meine, trifft das Wesen des Menschen in seinem Kern: die Neugier zu forschen und zu entdecken, zu experimentieren und die im Labor gewonnenen Erkenntnisse auch in die Tat umzusetzen. In diesem Umdenken wird manifest, dass nicht jede wissenschaftliche Erkenntnis dem Menschen Segen bringt und nicht alles, was technisch möglich ist, automatisch Fortschritt bedeutet.

Hier sind nicht nur die Atomphysiker, sondern alle Naturwissenschaftler aufgerufen, der Hybris zu entsagen und ihr Welt- und Menschenbild um einen Aspekt zu bereichern, den sie über viele Jahrzehnte sträflich vernachlässigt haben: Die Demut vor der unbezähmbaren Kraft der Natur.

Das Umdenken, das ich fordere, soll verhindern, dass noch eine Büchse der Pandora geöffnet wird, die womöglich ein noch schlimmeres und überhaupt nicht mehr beherrschbares Unheil über die Menschheit bringt. Das wäre vermutlich das Ende.

Das Wort Demut passt so gar nicht in unsere Zeit und mag in vielen Ohren antiquiert klingen. Wir sollten es reaktivieren und wieder in unseren Sprachgebrauch aufnehmen. Hybris kommt aus dem Griechischen und heißt so viel wie „frevelhafte Selbstüberschätzung“. Das Handeln, das mit diesem Begriff gemeint ist, so viel älter als Demut, kann sich unsere Zeit ganz und gar nicht mehr leisten. Fukushima führt es uns vor – jeden Tag und wer weiß, für wie lange noch.

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