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FC Bayern und Uli Hoeneß verstoßen gegen Menschenrechte

von Peter Haisenko
16.11.2009

Robert Enke ist tot. Und es stellt sich die Frage, wie viele müssen noch sterben, ehe man auch in der Fußballnation begreift, dass es so nicht weiter geht? Müsste auch Philip Lahm erst sterben, damit man seine Meinung respektiert?

Die Fakten:

Philip Lahm hat seine ganz persönliche Meinung geäußert. Er kritisiert eine gewisse Konzeptlosigkeit und wünscht sich mehr fußballerische Identität und Philosophie. Er lobt auch und unterstreicht sein emotionales Engagement für seinen Verein, den FC Bayern. Die Medien haben das verbreitet. Uli Hoeneß vom Vorstand des FC Bayern ist „not amused“. Uli Hoeneß droht offen im Fernsehen, dass das allen nicht gut bekommen wird und eine hohe Geldstrafe fällig ist. Philip Lahm entschuldigt sich. Aber – gesagt ist gesagt!

Der Tabubruch:

In den Verträgen der Spieler mit dem FC Bayern sind folgende Passagen zu finden:

1) Interviews müssen ausschließlich beim Klub angefragt und organisiert und zum Autorisieren für den Spieler vorgelegt werden. Dies ist im Lizenzvertrag festgelegt und von jedem Spieler bestätigt.

2) Es ist ein absolutes Tabu, in der Öffentlichkeit Kritik gegen den Klub, den Trainer und Mitspieler zu äußern.

Philip Lahm hat mit seinem ehrlichen Interview gegen o.g. Tabu verstoßen. Dafür steht dem FC Bayern nach seinen eigenen Regeln das Recht zu, Philip Lahm zu bestrafen.

Die verbrieften Menschenrechte:

Im deutschen Recht ist vorgesehen, dass Klauseln eines Vertrags ungültig oder unwirksam sind, wenn diese gegen gültiges deutsches oder europäisches Recht verstoßen. Philip Lahm hat sein verbrieftes Recht wahrgenommen, seine ganz persönliche Meinung zu äußern. Dass er dieses Recht hat, steht im Grundgesetz und in der UN-Charta. Auch der Europäische Gerichtshof hat es ausdrücklich bekräftigt. Lesen Sie die Auszüge selbst:

Artikel 5 des Grundgesetzes der Bundesrepublik Deutschland:
"Jeder hat das Recht, seine Meinung in Wort, Schrift und Bild frei zu äußern und zu verbreiten und sich aus allgemein zugänglichen Quellen ungehindert zu unterrichten. Eine Zensur findet nicht statt."

Artikel 19 UN-Menschenrechtscharta:
"Jeder hat das Recht auf Meinungsfreiheit und freie Meinungsäußerung; dieses Recht schließt die Freiheit ein, Meinungen ungehindert anzuhängen sowie über Medien jeder Art und ohne Rücksicht auf Grenzen Informationen und Gedankengut zu suchen, zu empfangen und zu verbreiten."

Europäischer Gerichtshof für Menschenrechte, Handyside - Urteil vom 07.12.1976 zu Artikel 10, Absatz 1 - Meinungsäußerungsfreiheit – der Europäischen Menschenrechtskommission:
"Seine Kontrollfunktion gebietet dem Gerichtshof, den Grundsätzen, die einer "demokratischen Gesellschaft" eigen sind, größte Aufmerksamkeit zu schenken. Das Recht der freien Meinungsäußerung stellt einen Grundpfeiler einer solchen Gesellschaft dar, eine der Grundvoraussetzungen für ihren Fortschritt und für die Entfaltung eines jeden einzelnen. Vorbehaltlich der Bestimmungen der Art 10, Abs. 2 gilt dieses Recht nicht nur für die günstigen aufgenommenen oder als unschädlich oder unwichtig angesehenen "Informationen" und "Gedanken", sondern auch für die, welche den Staat oder irgendeinen Bevölkerungsteil verletzen, schockieren oder beunruhigen. So wollen es Pluralismus, Toleranz und Aufgeschlossenheit, ohne die es eine "demokratische Gesellschaft" nicht gibt."

Besonders pointiert wird im letzten Absatz herausgestellt, dass das Recht auf Meinungsfreiheit nicht auf „politisch korrekte“ Äußerungen beschränkt ist. Wenn jemand ein Recht wahrnimmt, darf er dafür nicht bestraft oder benachteiligt werden. Nirgendwo ist ein Hinweis zu finden, dass das für Profifußballspieler nicht gilt.

Uli Hoeneß:

Voll Ignoranz hat Uli Hoeneß im Fernsehen ausgeführt, was er von Menschenrechten und freier Meinungsäußerung hält. Er stellte fest, dass ein solches Interview niemals in Druckform von ihm oder dem FC Bayern zugelassen worden wäre. Schlimmer noch: Er hat Philip Lahm, seinen Leistungsträger, öffentlich herabgewürdigt indem er ihm vorwarf, lächerliches und dummes Zeug von sich zu geben. Das stellt ihm ein ganz schlechtes Zeugnis aus, was seine Sozialkompetenz angeht.

Uli Hoeneß unterscheidet sich hier nicht von anderen „Führungspersönlichkeiten“, die immer dann besonders unwirsch reagieren, wenn ihre Kompetenz (zu Recht?) in Frage gestellt wird. Philip Lahm hat gar nichts Böses gesagt. Er hat nur als persönlich Betroffener an der Diskussion teilgenommen, die die Fußballnation bewegt: Wieso hat der FC Bayern, der teuerste Verein Deutschlands, nicht den Erfolg, der bei einem derart massiven Einsatz von Geldmitteln erwartet werden darf? Er hat sich über die von Uli Hoeneß bemühte Zensurverordnung des FC Bayern hinweggesetzt.

Philip Lahm ist in seiner persönlichen Karriere beeinträchtigt, wenn er, der Leistungs- und Sympathieträger, mit seinem Verein immer wieder spektakulär untergeht. Er hat ein ganz persönliches Interesse am Erfolg des FC Bayern. Das gibt ihm nicht nur das moralische Recht, sondern geradezu die Pflicht, seiner Auffassung Gehör zu verschaffen. Philip Lahm ist kein Dummer und er weiß, dass er sich einen Rüffel von seinem Management einfangen wird, wenn er seine Analyse der Missstände der Öffentlichkeit präsentiert. Offensichtlich ist ihm in internen Gesprächen nicht die gebührende Aufmerksamkeit zuteil geworden und so musste er diesen Weg wählen. Das geschah sicherlich in der Absicht, seinem Verein auf dem Weg zurück an die Spitze positive Impulse zu geben. Aber die Führung des FC Bayern hat Philip Lahms Interview wohl in die Rubrik „Majestätsbeleidigung“ einsortiert.

Feudales Gebahren:

Ganz in der Tradition feudaler Herrscher hat Uli Hoeneß reagiert. Arrogant, als ob er die Immunität eines Volksvertreters besäße, bekennt er sich vor Kameras zu seiner Auffassung, dass der FC Bayern und er über dem Recht stehen. Dem Recht auf freie Meinungsäußerung, das ganz vorn steht, wenn es um die Grundfesten der demokratischen Gesellschaften geht. Dem Recht, das ausdrücklich in allen demokratischen Verfassungen, Grundgesetzen und der UN-Charta als unverletzlich garantiert wird. Uli Hoeneß verspricht, Philip Lahm dafür zu bestrafen, dass er eines seiner garantierten Grundrechte in Anspruch genommen hat.

Uli Hoeneß tut noch Schlimmeres. Er nimmt sich ein Recht heraus, das nur dem Staat zusteht. Er erhebt sich zum Richter und spricht eine Strafe aus. Auch das widerspricht allen demokratischen Regeln. Das Gericht, der Richter, darf niemals Partei sein. Uli Hoeneß, in seinem Ego verletzt und als Arbeitgeber, ist definitiv Partei. Hat er übersehen, dass die Sklavenhaltung bereits im vorletzten Jahrhundert abgeschafft, ja verboten worden ist? Nur Sklaven durften von ihren Eigentümern selbst bestraft werden.

Dieser Vorgang beim FC Bayern stellt eine Haltung bloß, die in erschreckendem Ausmaß immer mehr um sich greift. Menschen – Menschenmaterial - werden gekauft und verkauft. Sie werden mit Verträgen verpflichtet, sich wie Sklaven behandeln zu lassen. Inklusive vertraglich festgelegter Strafen, falls sie aufmucken sollten – falls sie ihre Menschenrechte wahrnehmen wollten.

Nicht nur im Profifußball, auch in anderen Bereichen der Arbeitswelt haben sich ähnliche Praktiken in die scheinbare Normalität geschlichen. Zeitarbeiter können ein Lied davon singen. Bis in die höchsten Ebenen nimmt niemand daran Anstoß, wenn unter Androhung einer (Vertrags-) Strafe eine Verpflichtung zu Verschwiegenheit vereinbart wird. Politiker und Manager werden in einer Art von den Medien oder intern für unliebsame Äußerungen abgestraft, die schnell einem Berufsverbot gleich kommt. Allenthalben können Arbeitnehmer spüren, wie mit immer brutalerem Druck unkritisches und konformes Auftreten eingefordert wird. Das Recht auf freie Meinungsäußerung, das von den führenden Demokratien immer wieder von anderen Nationen eingefordert wird, ist bei uns zu Hause einem schleichenden Verfall preisgegeben. China hat angesichts dieser Fakten Recht, wenn es anlässlich der Ermahnungen des Westens entgegnet, dieser solle sich doch erstmal an die eigene Nase fassen.

Robert Enke:

Was dieser Druck anrichten kann, belegt der tragische Selbstmord von Robert Enke. Gerade im frischen Eindruck dieses Dramas erscheint das Auftreten von Uli Hoeneß besonders unsensibel. Hatte ich noch die Hoffnung, dass Robert Enkes Tod zu einem Erwachen und Umdenken führen könnte, belehrt mich Uli Hoeneß jetzt eines Besseren. Durch Kritik, die sogar Verbesserungsvorschläge beinhaltete, ließ er sich nicht zum Nachdenken anregen, sondern entlud die ganze Wut seines angekratzten Egos auf seinen Kritiker. Majestätsbeleidigung! Solches Verhalten wird weitere Tragödien wie die des Robert Enke produzieren.

Philip Lahm:

Die Fußballer, die noch nicht den Starstatus eines Philip Lahm erreicht haben, getrauen sich sowieso nicht, ihre Meinung frei zu äußern. Sie sind austauschbar und wissen das. Einmal zu viel gemault, und sie werden verkauft. Es spricht für den Charakter von Philip Lahm, dass er sich ein Herz genommen und das ausgesprochen hat, was ihm auf der Seele lag. Wie eine Online-Umfrage der Bild-Zeitung herausgefunden hat, stimmen ihm 96% der Fußballnation zu. Er hat nur ausgesprochen, was alle außer Uli Hoeneß denken. Gerade dieser Umstand dürfte maßgeblich für dessen Reaktion gewesen sein. Dennoch halte ich fest: Wir brauchen Führungspersönlichkeiten, deren Ego nicht gleich Amok läuft, wenn sie sich mit Kritik befassen müssen. Uli Hoeneß ist hier leider kein Einzelfall.

Pressearbeit:

In ihren Verträgen werden Profifußballer dazu angehalten, sogar verpflichtet, Interviews vor laufenden Kameras zu geben. Aber in den selben Verträgen steht auch, dass sie nicht ihre freie Meinung äußern dürfen. Sie müssen sich streng an die Vorgaben und den Rahmen halten, den ihnen ihr Arbeitgeber vorschreibt. Demokratie? Menschenrechte? Weit entfernt! Es ist bedauerlich und ein schlechtes Zeugnis für unsere Gesellschaft, dass sich noch kein Staatsanwalt dieser Verträge angenommen hat. Sie verstoßen gegen gültiges Recht. Und ebenso bedauerlich wird es sein, dass sich vermutlich auch kein Staatsanwalt mit dem Verhalten von Uli Hoeneß gegenüber Philip Lahm beschäftigen wird. Und dem der anderen, die zwar nicht so öffentlich, aber dennoch genauso vorgehen.

Demokratische Kultur:

Die Gefahr, die für unsere demokratische Kultur daraus entsteht, dass Arbeitnehmer für ihre freie Meinungsäußerung abgestraft werden, ist enorm. Es bedeutet faktisch das Ende der Meinungsfreiheit, wenn ein Arbeitgeber einen Arbeitnehmer bestrafen darf, weil der seine eigene Meinung äußert.

Der Europäische Gerichtshof hat dezidiert klargestellt, dass es die Grundfesten unserer demokratischen Kultur sind, auch verletzende und schockierende Ansichten äußern zu dürfen, ohne bestraft zu werden. Das ist der wahre Sinn von Toleranz und Vielfalt. Doch was ist ein Recht wert, wenn es mit Füßen getreten werden darf, sobald ein unbequemes Thema verbalisiert wird? Philip Lahm hat ausgesprochen, wovon er überzeugt war, es sagen zu müssen. Dafür gebührt ihm Respekt, egal, wie die eigene Meinung dazu ist. Auch ein Mensch, der im Rampenlicht steht, oder besser, gerade ein solcher, sollte seine Meinungsäußerungen nicht nur auf langweiligen, politisch korrekten Mainstream beschränken müssen. Wie sonst kann eine Gesellschaft eine offene Entwicklung erfahren? Wie sonst können heikle Themen auch kontrovers diskutiert werden? Wie sonst können die Politik und die Mächtigen erfahren, was das Volk wirklich bewegt? Aber die Mächtigen haben Angst, dass die Bevölkerung bemerken könnte, dass sie die Themen, die wirklich Interesse finden, bewusst ausklammern. Sie haben Angst, dass ihre eigene Unfähigkeit zu Tage kommen könnte.

Weil´s wahr ist!

Philip Lahm hat es gesagt. Er hat es öffentlich gesagt. Er hat wohl Recht. Auf jeden Fall das Recht, es gesagt zu haben. Er wurde gezwungen, sich zu entschuldigen. Er hat sich entschuldigt. Er wurde gezwungen, sich zu entschuldigen, obwohl es überhaupt keinen Grund dafür gibt. Seine Entschuldigung war ein Akt der bewussten Demütigung. Ein Kotau vor dem Geld, das wieder einmal einen mutigen jungen Mann in die Knie gezwungen hat. Aber er hat es wenigstens gesagt. Das lässt hoffen. Denn gesagt ist gesagt!


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Zusammenfassung der Seite:

Grand Tourisme - Worldwide

Recht, Philip, Hoeneß, Bayern, Meinung, Gesellschaft, Meinungsäußerung, Menschenrechte, Robert, Verein, Gerichtshof, Verträgen, Kultur, Kritik, Interview, Spieler, Artikel, Arbeitgeber, Fußballnation, Arbeitnehmer, Meinungsfreiheit, Medien, Toleranz, Erfolg, Auftreten, Informationen, Verhalten, Absatz, Auffassung, Staat, Interesse, Druck, Staatsanwalt, Europäische, Majestätsbeleidigung, Grundfesten, Sklaven, Führungspersönlichkeiten, Fernsehen, Angst, Charta, Richter, Strafe, Frage, Partei, Fakten, Gerade, Interviews, Mächtigen, Aufmerksamkeit, Regeln, Zeugnis, Kameras, Themen, Vertrags, Allenthalben, Berufsverbot, Manager, Nationen, Westens, Ermahnungen, China, Demokratien, Hause, Verfall, Profifußball, Ausmaß, Menschen, Menschenmaterial, Inklusive, Haltung, Vorgang, Sklavenhaltung, Jahrhundert, Eigentümern, Dieser, Strafen, Selbstmord, Anstoß, Androhung, Verpflichtung, Verschwiegenheit, Ebenen, Zeitarbeiter, Bereichen, Arbeitswelt, Praktiken, Normalität, Politiker, Einmal, Füßen, Thema, Respekt, Mensch, Vielfalt, Ansichten, Demokratie, Verträge, Demokratische, Gefahr