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Raus aus dem Autismus - und dann raus aus Afghanistan

- GT-Chefredakteur Norbert Gisder ist Fregattenkapitän der Reserve in der Deutschen Marine, Pressestabsoffizier und als zweiter Mann im Tornado mitgeflogen.
Die Bundeswehr klagt seit Jahren – über ein „Wahrnehmungsproblem“: Die breite Öffentlichkeit nehme alle ihre so lobenswerten Einsätze für die Demokratie gar nicht so recht zur Kenntnis. Immer Deutschlands Verteidigung am Hindukusch im Blick, pflanze man Bäume, baue Brunnen, Häuser und einen ganzen Staat, ohne dass darob Lobeshymnen gesungen würden. So greinten Generäle und Mannschaften immer wieder. Das mit dem „Wahrnehmungsproblem“ hat sich seit dem Abwurf der zwei 227 Kilogramm schweren Bomben auf die beiden in Afghanistan geraubten Tanklaster am 4. September gründlich geändert.
Nun hat die Bundeswehr ein Skandalproblem: Sie wird mehr wahrgenommen, als ihr lieb sein kann – und steht unmittelbar vor einer internationalen Aburteilung. An beidem, dem „Wahrnehmungsproblem“ wie auch dem jetzt vor allem von Frankreich, England und den USA so pharisäerhaft hochgejubelten „Skandal“, ist allerdings ein ganz anderes, viel tiefer wurzelndes, deutsches Problem schuld. Darüber hat hierzulande überhaupt noch kein Mensch gesprochen: Die Bundeswehr hat ein Kommunikationsproblem!
Dressierten Hamstern gleich, die in ihren Laufrädchen zwar viel Lärm machen, aber wenig produzieren, außer Kompetenzen zu horten, betreiben zu viele Presseoffiziere in den Stabsabteilungen für Öffentlichkeitsarbeit unter dem Mäntelchen von Information tatsächlich allzu oft Informations-Verhinderung. Den schielenden Blick haben sie dabei gern auf Vorgesetzte und deren wohlwollenden Zuspruch gerichtet, statt auf den Souverän, das Volk, die Demokratie. So aber kann eine Armee in der Demokratie und für die Demokratie nun wirklich beides nicht erreichen: Das Wohlwollen ob der lobenswerten Tat ebenso wenig wie die Aufklärung in der Krise.
Vorweggenommen: Dieser Kommentar soll kein Dossier über Menschenrechtsverletzungen deutscher Soldaten in Afghanistan werden – denn die hat es seitens der Deutschen nach meinem Kenntnisstand in diesem Fall nicht gegeben. Es soll aber deutlich gesagt werden: In Afghanistan ist Krieg! Und verbündete Nato-Truppenteile versuchen, in der Situation eines in Wahrheit dreckigen Krieges das Bild eines Friedenseinsatzes zu vermitteln. Das an sich ist schon zumindest schwierig, auch sozial unhygienisch, meines Erachtens nach darüber hinaus aber auch illegitim.
In dieser Lage wurden deutschen Soldaten zwei Tanklastwagen, randvoll mit Treibstoff für die ISAF-Truppen des Nordatlantischen Verteidigungs-„Bündnisses“ weggenommen. Von afghanischen Warlords, nachts. Und man darf sicher sein, dass die deutschen Soldaten diese für die Afghanen wichtige Kriegsbeute nicht friedfertig herausgegeben haben. Es wurde kriegerische Gewalt angewendet. Also taten die Deutschen Soldaten, was ihre Pflicht war, wofür sie vom Deutschen Parlament in die Opiumhöhle Afghanistan geschickt worden sind: Sie informierten die alliierten Truppen und unter denen natürlich die Amerikaner, deren Awacs-Aufklärungsflugzeuge den kleinen Konvoi der afghanischen Aggressoren auch schnell orteten.
So kam es zu dem, was heute allein den Deutschen vorgeworfen wird: US-Kampfpiloten warfen Bomben auf die lokalisierten Tanklastzüge, die vermeintlich auf dem Transport zu irgendeinem noch nicht näher bekannten Ziel unterwegs waren. Bei der Treffsicherheit der heutigen Technik war es für die amerikanischen Flieger abzusehen, dass eine Detonation von enormen Ausmaßen die Folge sein musste. Darüber konnte es keine Zweifel geben, denn die Amerikaner hatten sich mit allen ihren Möglichkeiten umfänglich über Art und Weise sowie die Beschaffenheit des Verlustes der rollenden Benzinbomben informieren lassen – und dementsprechend auch genau die „Brandbeschleuniger“ eingesetzt, die mit größtmöglicher Furchtbarkeit das Raubgut in Flammen aufgehen lassen sollten: Auf dass die Lkw mit aller tödlichen Sicherheit nicht mehr als rollende Bomben in ein ISAF-Camp geschickt werden könnten – von wem auch immer. A l l e Beteiligten konnten in diesen engen Entscheidungsminuten nicht ausschließen, dass es sich bei den Warlords um Taliban oder mit ihnen sympathisierende Afghanen handelte. Oder um Terroristen, die keine Skrupel haben würden, auf im eigenen Feuer verendenden Deutschen Soldaten ihren „heiligen Krieg“ zu feiern.
Natürlich kann es jedem, der sich je über die Lektüre von Micky-Maus hinaus gebildet hat, nur furchtbar leid tun, wenn Menschen verbrennen. Ob im Krieg oder in einem „Friedenseinsatz“ genannten Krieg. Gerade dem Aufbau eines Staates wie Afghanistan ist es andererseits aber auch höchst abträglich, wenn Gegner der „militärischen Hilfe“ so brandgefährliche Feuersätze wie Benzin-Lkw in die Hände bekommen – womöglich, um damit die internationalen „Helfer“ in Flammen aufgehen zu lassen. Ohne Skrupel und ohne Empathie, denn e s i s t Krieg!
Hier sind wir bei einem zentralen Aspekt: Die Amerikaner haben Kollateralschäden – solche „Mißverständnis“ genannten Verbrechen gegen Zivilisten also, denen bei Angriffen immer wieder und oft Hunderte zum Opfer gefallen sind – niemals mehr als nötig bedauert. Vor allem haben sie sich durch solche Bombardements auch nie davon abhalten lassen, weiter zu bomben. Und sie haben es immer unterbunden, sich Urteilen der internationalen Gemeinschaft zu unterwerfen. Engländer und Franzosen standen ihren großen Waffenbrüdern nicht nach. Vor allem: Von führenden Köpfen in der NATO wurden solche Akte mit unschöner Regelmäßigkeit vor Kameras versiert-ernsthaft schöngelächelt. Denn es diente ja dem von den Amerikanern allen anderen aufgezwungenen Kampf gegen den Terrorismus. Und der rechtfertigte angeblich sogar illegale Gefängnisse und Folter, deren Opfer von den USA jetzt wiederum den Nato-„Partnern“ aufgedrückt werden sollen.
Ganz anders verhielt es sich – bisher – mit den Deutschen. Im Kosovo werden sie gefeiert. Vor Somalia trotz gebundener Hände auch. Und in Afghanistan schauten sie geflissentlich weg, wenn die Bauern auf den Mohnfeldern den Stoff gewannen, der Millionen von Menschen in Abhängigkeit stürzt: Sie bauten fleißig Straßen und Brücken, bildeten Zivilisten zu Polizisten aus und hatten sich in dem – bisher als friedlicher geltenden – Norden des Landes immer das Image von Saubermännern bewahrt; wenn auch solchen in Kettenhemden. Natürlich wurmte das die in der ISAF verbündeten Nato-Mitstreiter der Bundeswehr in Washington, London und Paris.
Und natürlich verhielt sich Bundesverteidigungsminister Jung nach dem Verlust der Benzin-Lkw und dem Feuerschlag der Amerikaner genau so dreist, wie er es von den Amerikanern seit Jahren vorgeführt bekommen hatte. Er fabulierte etwas, ohne die Lage im Griff zu haben. Er wusste es nicht besser. Das kann ihn nicht entschuldigen, denn er hätte es in der Hand, Strukturen zumindest innerhalb der Bundeswehr zu schaffen, die seine erstklassige Information gewährleisten.
Unselig an Jungs Äußerungen ist zweierlei: Erstens, dass Jung keine Greencard, geschweige denn einen amerikanischen Pass hat; und zweitens, dass er die Lage, auch die Zwangslage, in der sich die deutschen Soldaten in Afghanistan befunden haben, weder in der Nato noch in seinem eigenen Heimatland vermitteln konnte – denn dass deutsche Soldaten in Afghanistan überhaupt kämpfen, im Krieg sind, ist von einem Großteil der Menschen zwischen Rhein und Oder bisher ja noch gar nicht so recht wahrgenommen worden. Und es wurde von der Regierung amtlich auch nie so gesagt. Außerdem möchte ich nicht ausschließen, dass der Minister über eine authentische Lagebeschreibung aus Kundus überhaupt nicht verfügte.
Wie auch immer: Die Lüge keimt langsam – aber furchtbar. Angelsächsische Sophisten und Pharisäer, die sich selbst aller den Deutschen nun vorgeworfenen Untaten mit steter Regelmäßigkeit befleißigen und das als kriegsnotwendig sogar offensiv rechtfertigen, sehen ihre Chance. Ihre jetzigen Vorwürfe gegen einen deutschen Obristen lenken nicht nur von eigenen Usancen und Schuldfragen ab. Sie schaffen eben damit das Bild eines eigenen, sauberen Verhaltens als Protagonisten eines kompromisslosen Kampfes gegen alle Achsen des Bösen dieser Welt, eingebildete und tatsächliche Terroristen. Ja, die Vorwürfe gegen „The Germans“ geben ihnen selbst neue Handlungsfreiheit und Argumentationsspielräume im Inneren.
Deutsche Diplomatie, im Konzert der internationalen Diplomatie ohnehin niemals höher angesehen, als deutsche Viertklässler im Pisa-Konzert der europäischen Grundschulen, steht bei solchen Herausforderungen natürlich wie der Ochs vorm Berg: „Ich kann Minister“, ja selbst „Ich kann Kanzler“ reicht plötzlich nicht mehr zur Schadensbegrenzung auf einem Parkett, das von Freunden so glatt gewienert wurde, dass übergewichtige Banalpropagandisten ohne konkrete und vor allem korrekte Lageschilderung vom Ort der Tat nur lang hinschlagen können.
Dass die jetzige, die internationale Vorwurfs-Klaviatur von Washington, London und Paris in Sachen Afghanistan-Benzin-Lkw-Feuersbrunst-Kollateralskandal allen Nato-Kodizes widerspricht, die im Fall von Angriffen auf eines der verbündeten Länder allen anderen dessen Unterstützung nahelegen, zeigt mehr als deutlich, dass Deutschland bei d i e s e n „Freunden“ Feinde eigentlich gar nicht mehr braucht. Schon gar nicht in Afghanistan. Auch die Absicht der Pharisäer in den Nato-Stäben der ISAF-„Kumpels“ ist klar: Deutschland soll mit den Vorwürfen gezwungen werden, sich weit mehr noch als bisher zu engagieren – und sich vor allem den angelsächsischen Führungsmächten kompromisslos zu unterwerfen.
Da sich dieses Ziel von USALAGRANDENATIONTHEBRITISHEMPIRE den Menschen in Deutschland nicht vermitteln lässt, weil es so verlogen wie faktenverfälschend ist und weil es überdies noch unisono impliziert wird, da sich außerdem nicht so schnell eine interne, funktionierende Kommunikation in dieser, unserer Armee in der Demokratie, der Bundeswehr, organisieren lassen wird, gibt es nur noch die zwei Schritte eines einzigen Weges, der logisch ist:
Erst raus aus dem Kommunikations-Autismus einer viel zu autoritärhysterisch geführten Kreativwüste in den Stäben der Presse- und Informationsverhinderung der Bundeswehr – und dann raus aus Afghanistan! Deutschland hat in diesem Krieg nichts mehr zu suchen, in dem Nato-„Verbündete“ den Deutschen in den Rücken fallen und Waffenbrüder für selbst entfachte Feuersbrünste verurteilen.
Ist dieser Weg, raus aus beidem, glückreich beschritten, empfehle ich der Bundeswehr, wieder Presseoffiziere auszubilden, deren Arbeit diesen Namen wert ist. Als jemand, der selbst als Presseoffizier für die Deutsche Marine gearbeitet hat, erinnere ich mich noch sehr gut daran, dass die Bundeswehr diese Absicht einst auch proklamiert und versucht hat – bevor wahrheitsfürchtende Politiker und wenig mutige Verteidigungsminister diesen sinnvollen Prozess gestoppt haben. Opportunistische Obristen haben nachrichtenunterdrückende Entscheidungswege in der Praxis dann nur allzu willfährig nach unten durchgesetzt. Wäre der Weg einer Freisetzung von Kreativität fortgesetzt worden, würden die heutige, internationale Krise um Afghanistan und die deutsche Meldung des Diebstahls zweier rollender Benzinbomben an die ISAF-Zentrale weltweit völlig anders diskutiert werden.
Die Ereignisse wären nicht weniger tragisch, der Krieg nicht weniger falsch, aber deutsche Politiker wüssten wenigstens, worüber sie sprechen, wenn sie von Afghanistan reden. GT Norbert Gisder, 09-09-09
Der Autor ist Politologe, Kommunikationstrainer, Dozent für Presse- & Öffentlichkeitsarbeit, Fregattenkapitän d. R. in der Deutschen Marine und Chefredakteur dieses Magazins.
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