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Die Kernfrage" - brauchen wir die Atomenergie? Im Watt, in dessen Struktur die Wissenschaft lesen kann wie Sie in GT, ist die Welt noch in Ordnung? Der Wachholtz Verlag hat zum Wattenmeer das Buch herausgebracht - wir lesen darin und wir erkennen die Welt. Erkennt die Welt auch uns? Das wiederum ist Aufgabe eines neuen Buches. Noch ungeschrieben? Nachschauen. Im
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Von Buenos Aires über Paris in den Orient
Die besondere Reise - im Palast auf Schienen
Bevor der Morgen graut ...
„Es ist liegt eine Leiche im Schlafwagenabteil 3425! Alles ist voll Blut!“
Auch wenn der Schaffner im Barwagen wild gestikuliert und dem Barkeeper aufgeregt und leise ins Ohr flüstert, kann Javier dennoch jedes Wort verstehen. Es ist eben von Vorteil, geschärfte Sinne sein eigen nennen zu dürfen.
Selbst die Musik des Pianisten, der mit zärtlichen Fingern eine Sonate spielt, lenkt ihn dabei nicht ab.
Der Orientexpress rattert und schaukelt mit knirschenden Rädern über die Schienen durch die Nacht. Noch bemerkt keiner der Reisenden den Tod. Aber wie lange konnten sie das noch geheim halten?
Leise lächelnd lehnt sich Javier in den kostbar bezogenen Sessel des Luxuszuges zurück und trinkt einen Schluck von seinem blutroten Cabernet Sauvignon. Weiter vorn im Gang sitzt ein breitschultriger Mann. Er mochte vielleicht Anfang dreißig sein. Er schaut sich kurz um, nachdem die umherhuschenden Gestalten des Schaffners und des herbei geeilten Stewards seine Aufmerksamkeit erregt hatten, um dann genüsslich weiter an seinem Glas Whisky zu nippen.
Niemand bemerkt den Tod im Schlafwagenabteil 3425.
Und es würde nicht der letzte bleiben, denn die Reise von Paris nach Istanbul dauert lang! Es ist die Langsamkeit des Reisens vom Abendland ins Morgenland. Insgesamt 3052 Kilometer liegen vor ihm.
Javier würde jede Menge Zeit haben - bevor der ein oder andere Morgen graute. Er schließt sacht die Augen und muss an Zuhause denken . . .
Javier war in Buenos Aires aufgewachsen, in der schlaflosen Stadt des Tangos.
Die Verhältnisse waren bescheiden. Seine Lehrer, die große Stücke von dem intelligenten jungen Mann hielten, sorgten gegen den Widerstand seines Vaters dafür, dass er eine höhere Schule besuchen konnte, um ihm ihre Weisheit angedeihen zu lassen. Javier war groß gewachsen, viel größer als sein Vater. Unter seinen langen Wimpern blitzten funkelnde Augen und er bewegte sich mit einem federleichten Gang durch die Straßen des Barrios. Sein langes schwarzes Haar schimmerte in der Sonne, wenn er mit einem Buch auf den schmalen Schenkeln auf der aus grobem Holz gezimmerten Bank vor seinem hell gestrichenen Elterhaus saß.
Dies war sein Lieblingsplatz.
Einerseits, weil die wärmenden Strahlen der Abendsonne aufmunternd auf seiner Haut spazieren gingen, andererseits, weil er die wunderhübsche Nachbarstochter Desideria beim Blumenpflücken im Vorgarten beobachten konnte.
Sie wusste genau, dass sich Javier, der zu einem gut aussehenden Burschen mit breiten Schultern herangewachsen war, über beide Ohren in sie verliebt hatte. Zumindest glaubte sie das!
Desideria verstand es, ihre Figur weiblich zu betonen, obwohl sie noch so jung war. Sie hatte den Tango im Blut. Oft ging Desideria mit anderen aus, was einen Stich in Javiers Herz hinterließ.
Es gab aber noch einen Grund, warum er diese Stelle vor dem Haus liebte.
Immer sah er mit einem umherschweifenden Blick bis zur Ecke der Straße, wo sein Vater erscheinen musste, wenn er von der Arbeit heimkam. Zero hatte in jungen Jahren das Tischlerhandwerk erlernt und mit der Geschicklichkeit seiner beiden Hände den Broterwerb der Familie gesichert.
Jeden Abend, wenn sein Vater um die Ecke bog, warf Javier mit einem Schwung seines Kopfes die schwarze Mähne nach hinten und sah seinen Vater mit einem herausfordernden Blick an. Das Ganze hatte etwas von einem überirdischen Stolz, der den Tischler regelmäßig zur Weißglut trieb, zumal wenn Javier auch noch anfing, mit seinen schlanken Fingern über die leicht ergrauten Seiten eines Buches zu streichen.
„Javier ...“, sagte Zero laut. „ Aus dir wird niemals etwas Vernünftiges werden. Dieses Gelese ist vertane Zeit!“
Leichtfüßig erhob sich Javier von seiner Bank und erwiderte kühl: „ Aus der Sicht eines Analphabeten vielleicht, Vater!“ Zero, der an anderen Abenden immer gegenan polterte, beherrschte sich mühsam und stieg die Treppen zum Haus empor. Als er an Javier vorbei ging, nahm er dessen siegessicheren Blick wahr, der ihm wieder einmal zeigen sollte, dass er am Ende des Wettlaufes angelangt war. Javier hatte ihn mit seinen 18 Jahren um Schrittlängen überholt, was ihn sehr schmerzte.
Maria, die Mutter von Javier, versuchte seit geraumer Zeit, zwischen den beiden zu vermitteln.
Sie verstand die Enttäuschung ihres Mannes, der niemals lesen und schreiben gelernt hatte und sich von Javier gedemütigt fühlte. Maria wies Zero daraufhin, dass vieles mit der Kraft und Wildheit des Jungen zu entschuldigen sei und sich das Verhältnis der beiden bestimmt eines Tages zum Besseren wenden würde.
„Wie soll es das?“, fragte Zero leise und warf ihr einen vernichtenden Blick zu.
„Wäre er mein Sohn, würde er jetzt mit mir in der Tischlerei arbeiten und keine Gedichte schreiben und medizinische Bücher lesen!“
Maria verstummte. Wieder hatte Zero ihr vor Augen gehalten, dass er, trotz der Tatsache, dass er für ihr und Javiers Wohlergehen gesorgt hatte, nach all den Jahren nicht mehr in ihr sah, als eine gewöhnliche Ehebrecherin. Sie war es leid, diese ewigen Vorhaltungen zu ertragen.
Maria hatte keinen Ehebruch begangen, sondern wurde in einer dämonisch dunklen Nacht zu Beginn ihrer Ehe vergewaltigt. Zero hatte ihr dennoch die Schuld daran zugesprochen, weil sie vor der Geburt von Javier immer in einer Bar gearbeitet hatte, in der die Schönen und Reichen der Gesellschaft verkehrten. Zero war der festen Überzeugung, dass es einer von ihnen gewesen war. Seine Frau hatte den Maskierten in der Dunkelheit jedoch nicht erkannt.
Maria beobachtete mit wachen Augen, die Veränderung von Javier durch die Jahre. Er entwickelte sich von einem kleinen pausbäckigen Jungen zu einem gut aussehenden Mann. Javier lernte fleißig und verrichtete seine täglichen Aufgaben in der Familie ohne Widerrede. Schon als er zwölf war, bemerkte Maria das Auftreten einer ungewöhnlich charismatischen Ausstrahlung bei ihm.
Er war ein temperamentvoller Kämpfer für Gerechtigkeit und verabscheute die im Verfall begriffene verschwenderische argentinische Oberschicht. Javier nannte eine rebellische Wesensart sein eigen. Ihn umgab aber auch schon damals gelegentlich eine knietiefe Melancholie, in die er sich für Tage zurückziehen konnte. Manchmal war dann in der nächtlichen Stille ein Rumoren aus seinem Zimmer zu vernehmen, so als wenn er irgendwelche Bücher auf den Dielenboden warf. Stürmte er dann nach Tagen mit wirrem Blick ungestüm aus dem Haus, war es Maria so, als ob ihr eigener Sohn ihr fremd sei.
Sie verspürte einen bitteren Nachgeschmack in ihrem Mund bei dieser Erinnerung.
Bevor sich weitere Sturmwolken zusammen brauen konnten und die verkniffene Oberlippe von Zero immer schmaler werden würde, versuchte Maria eine Lösung zu finden, damit Javier seine Begabung ausleben könnte.
„Zero, was hältst du davon, wenn wir Javier nach Europa schicken, zu meiner Schwester?“
Vorsichtig drehte Zero den Kopf um und schaute sie verwundert an.
Im Gegensatz zu Maria hatte ihre Schwester Adriana einen reichen argentinischen Patrizier geheiratet, der die meiste Zeit des Jahres in seiner Residenz in Paris mit ihr weilte.
Adriana war kinderlos geblieben, von Anfang an aber Javier von ganzem Herzen zugetan.
Sie würde ihn bestimmt aufnehmen und dafür sorgen, dass er ein Studium der Medizin aufnehmen könnte. Ja, der Gedanke bereitete Maria Freude, weil sie nur das Beste für Javier wollte und dieses doch selbst mit ihren mäßigen Mitteln niemals bewerkstelligen konnte.
Zero nickte nur. „Wenn du meinst, dass es das Beste für ihn ist.“
Damit war das Thema für sie durch. Sie vermieden jede weitere Auseinandersetzung über die Zukunft von Javier.
Zwei Stunden später war geregelt, dass er mit dem nächsten Überseedampfer von Argentinien nach Madrid reisen sollte. Dieser würde in einer Woche ablegen. Zero und Maria versilberten ihre letzten Wertgegenstände, um ihm die Passage nach Europa bezahlen zu können.
Maria war durcheinander. Es machte sie sehr traurig, dass so gar kein Muttergefühl in ihr aufkommen wollte. Javier würde tausende von Kilometern von Zuhause sein und sie empfand nur Furcht. Sie konnte nachts nicht schlafen, weil das Rumoren aus seinem Zimmer immer lauter wurde. Er las und schwieg. Dann wiederum trieb er sich nächtelang herum und tauchte erst kurz vor der Morgendämmerung wieder auf oder saß stumm und wirr auf seiner Bank vor dem Haus.
Maria vermied es, ihn auszuhorchen. Sie wollte mit ihren Fragen keine unangenehmen Konsequenzen heraufbeschwören.
Im Grunde war sie froh, dass der Tag von Javiers Abreise nahte.
Javier hatte noch zwei Dinge zu erledigen.
Er ging ganz in schwarz gekleidet an einem herrlich sonnigen Tag zu Desideria hinüber und überreichte ihr mit einem gewinnenden Lächeln zum Abschied eine blaue Rose. Desiderias Haar war offen und schimmerte wie Honig. Ihre staunenden Lippen standen leicht offen, als sie ihr Geschenk entgegen nahm.
„Die Rose ist hinreißend, reizend und bezaubernd wie du, Desideria. Aber da es eine blaue Rose eigentlich nicht gibt und sie der Legende nach für etwas Unerreichbares steht, möchte ich sie dir als Zeichen meiner Verehrung widmen.“
Das war mehr, als er in den letzten Jahren mit ihr gesprochen hatte.
Javier verbeugte sich vor Desideria, nahm ihre zarte Hand und hauchte ihr einen Kuss wie aus zerbrechlichem Glas auf ihre Haut. Als er ging, blickte Desideria ihm wortlos nach und sog den Duft der Einzigartigkeit der blauen Rose begierig ein.
Am Abend dann ging Javier in die Stadt und verabschiedete sich mit außergewöhnlicher Höflichkeit von seinen Lehrern, die ihrem Schützling die Hand reichten und ihn mit weisen und mutigen Worten auf den Weg in das alte Europa entließen. Durch sie hatte er das Wertvollste erlangt von allem – nämlich Wissen und Freiheit. Sie waren sich sicher, er würde nach Ablauf seiner Studien als Meister seines Faches nach Buenos Aires zurückkehren.
Javier ging in eine Schenke und betrank sich.
Er wachte am nächsten Morgen mit brummendem Schädel in seinem Zimmer auf und sah den besorgten Blick seiner Mutter, als er sich zum letzten gemeinsamen Mahl für lange Zeit in der Küche niederließ.
„Ich wünsche dir eine gute Reise mein Sohn!“ Das war alles, was Maria vorbringen konnte. Sie umarmte ihn nicht einmal. Zero hatte es vorgezogen, bei Javiers Abreise in seiner Tischlerwerkstatt zu sein. Es würde nach langer Zeit wieder Ruhe einkehren, wenn der Bastard endlich aus dem Hause war!
Nachdem Javier die Straße in seinem Barrio mit harmonischem Gang, stolz und hoch erhobenen Hauptes entlang gegangen war, traute sich Maria zaghaften Schrittes in sein Zimmer. Sie erwartete ein Wirrwarr, ein Chaos und musste erstaunt feststellen, dass der junge Mann alles ordentlich und sauber hinterlassen hatte.
Nur ein Messer lag auf seinem Tisch, die Klinge mit getrocknetem Blut verschmiert. Maria erschrak!
Als Javier im Hafen an Bord des Schiffes ging und beim Ablegen die Planken unter seinen Füßen spürte, verbarg er die Kratzer an seinen Armen, indem er die Jackenärmel herunter zog.
Desideria hatte sich gewehrt letzte Nacht in den unterirdischen Katakomben. Und sie hatte ihn mit ihren Krallen malträtiert, bevor er ihre Haut in Scheibchen tranchiert hatte . . .
Javier kehrt aus seinen Gedanken zurück in die Gegenwart. Der Zug rattert weiter durch die Nacht in Richtung Orient. Gelangweilt setzte er sich in seinem roten Sessel zurück und streichelt über die Lehne. Er blickte auf das Getümmel im Barwagen, das sich den Passagieren jetzt bietet. Offensichtlich ist mittlerweile mehr durchgesickert von dem Mord im Orient- Express, was den Angestellten gar nicht recht scheint.
Sie befürchteten eine Panik.
Immerhin zählt eine hohe Adelige zu den Reisenden, für deren unbedingte Sicherheit das Personal sowie Agenten des französischen Geheimdienstes verantwortlich sind.
Diese Herren in ihren schlichten dunklen Sakkos sind es denn auch, die nun im Barwagen für Ruhe sorgen und die Passagiere mit besänftigenden Worten dazu auffordern ihre Abteile aufzusuchen.
Javier erhebt sich wie alle anderen und geht lächelnd den schmalen Gang entlang.
Er muss mit schmunzelndem Sarkasmus an Tante Adriana denken. Und an Paris, das er nun in Richtung Orient verließ. Und das, obwohl er in Paris bei seinen nächtlichen Mord-Ausflügen so herrlich viele Hälse schöner, junger Französinnen zerfetzt hatte. Aber das Pflaster dort wurde ihm zu heiß und zu blutig. Man suchte dort offiziell nach einem eiskalten Serienmörder.
Javier neigt seinen Kopf ein wenig nach links. Mit einer eleganten Handbewegung streicht er seine Haare wieder in Position.
Sein jagender Blick streift eine edle Dame von atemloser Schönheit, gekleidet in Brokat und Seide, die eilig von französischen Agenten in ihr Schlafwagenabteil geschoben wird.
Im letzten Augenblick bedenkt er sie mit einem wollüstigen Lächeln.
Wie es wohl sein würde, seinen Namen in ihr Blut zu ritzen...?









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