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Airport Security – in Zukunft nur noch nackt fliegen?
Am 26. Dezember störte die Nachricht von einem vereitelten Anschlag auf ein Flugzeug der amerikanischen Delta-Airlines den Weihnachtsfrieden. Es war eine große Meldung, die über alle Kanäle lief. Dabei war eigentlich gar nichts wirklich aufregendes passiert, außer, dass sich ein offensichtlich gestörter Afrikaner die Beine verbrannt hat. Das Mittel dazu war seine Unterhose, die er mit Sprengstoff getränkt hatte. Das Flugzeug selbst und seine Passagiere waren in keiner ernsthaften Gefahr gewesen. Dennoch wurden reflexartig strengere Kontrollen gefordert und angeordnet. Wie sinnvoll kann das sein?
Am nächsten Tag durfte sich die Welt über eine noch aufregendere Meldung wundern, die mit der gleichen aufwendigen Verbreitung geadelt wurde: Auf derselben Route ging ein Afrikaner zu oft auf die Toilette und kam bis zu einer Stunde nicht mehr heraus. Das hat den Kapitän so erschreckt, dass er die Bodenkräfte um Hilfe ersucht hat. Der Mann wurde inhaftiert um danach als ungefährlich wieder entlassen zu werden. Was für eine Welt ist das, in der ein Mann mit Verdauungsproblemen Angst und Schrecken auslösen kann?
„Der Terror ist zurück“ titelten denn auch die Tageszeitungen am Montag. Alle Welt hat wieder Angst vor Terror und die bereits negativ entschiedene Diskussion um „Nacktscanner“ ist wieder offen. Der Verkauf und die Installation dieser Nacktscanner ist ein gewinnträchtiges Geschäft. Könnte es sein, dass diese Tatsache bei der Verbreitung der Meldungen eine Rolle spielt, obwohl eine mit was auch immer getränkte Unterhose von diesem gar nicht entdeckt werden kann?
Nur die Älteren können sich wage daran erinnern, als Flughäfen noch offene Bereiche waren. Als man seine Lieben noch bis zum Flugzeug begleiten konnte und sie auch direkt an der Flugzeugtür in die Arme schließen durfte. Mitte der 70er Jahre hatte das ein Ende. In den 60er Jahren war die Entführung von Flugzeugen aus den USA nach Kuba groß in Mode gekommen. Ein Witz machte die Runde: Kommt ein Passagier mit einer Pistole ins Cockpit und fordert den Kapitän auf, nach Miami zu fliegen. Dieser sagt erstaunt, dass sein Ziel Miami ist! Der Passagier antwortet, dass das schon in Ordnung sei, er aber diesmal sicherstellen will, dass dieses Flugzeug tatsächlich nach Miami fliegt.
Auch Europa blieb von dieser Seuche nicht verschont. Mogadischu sei als einer der spektakulären Fälle erwähnt, der auch die Spitze der Verschiebung der Motivation markierte. Flugzeugentführungen waren zu einem politischen Druckmittel geworden, mit deren Hilfe auch Proklamationen der Weltöffentlichkeit mitgeteilt werden sollten. Die Flughäfen wurden zu den Festungen umgebaut, wie wir sie heute gewohnt sind.
Die Geschichte hat gezeigt, dass auch das nicht wirklich hilft. Der 11. September 2001 hat das dramatisch bewiesen. Ich war an diesem 11. September als Kapitän mit meiner Crew in Chicago und habe die Reportagen auf CNN verfolgt. Ich konnte Bin Laden life erleben, wie er auf einem Kissen vor seinem Zelt mit verschränkten Armen den Attentätern gratulierte zu ihrem „Erfolg“, aber bedauernd feststellen musste, dass er damit nichts zu tun hatte. Auf CNN diskutierten die Fachleute über Airport Security und waren weitgehend ratlos. Einer warf ein, dass er aus seiner Erfahrung in Gefängnissen gelernt hat, dass es nichts gibt, aus dem man nicht eine tödliche Waffe herstellen kann. Alle möglichen Maßnahmen könnten nur bedingt zum Erfolg führen und eine demokratische Gesellschaft müsste sehr genau abwägen, inwieweit persönliche Freiheiten und die Menschenwürde eingeschränkt werden dürften, wenn absolute Sicherheit in keinem Fall erreicht werden kann. Das war leider die einzige nachdenkliche Wortmeldung. Alle anderen übertrafen sich im Vorschlagen der aberwitzigsten Ideen.
Für Insider, also Airlinepersonal und Securityspezialisten, war es alles andere als erstaunlich, dass ausgerechnet in den USA ein derartiger Anschlag passieren konnte. Die Airportsecurity in den USA war als äußerst schlampig bekannt. Das Personal war und ist auch heute noch so schlecht bezahlt, dass eine hohe Fluktuation zu beklagen ist. Die Folge sind schlecht ausgebildete Kontrolleure mit mangelnder Erfahrung. Dementsprechend absurd waren denn auch die neuen Vorschriften, die die USA als Reaktion auf den 11. September einführten.
Nagelfeilen und Nagelscheren durften nicht mehr an Bord genommen werden. Die stumpfen Messer zum Essen mussten durch scharfe Plastikteile ersetzt werden. Selbst ich als Kapitän war diesen Regeln unterworfen, obwohl ich als Verantwortlicher an Bord selbstverständlich Zugang und Kontrolle über einen Werkzeugsatz mit durchaus waffentauglichem Inhalt hatte. Ebenso, wie über das wirklich scharfe Zitronenmesser. Nicht zu vergessen die vielen Flaschen an Bord, die durch einfaches Zerschlagen zu wirklich hässlichen Waffen werden können. Es wird schnell offensichtlich, welche Farce und dumme Show den Passagieren verkauft worden ist, denn obendrein konnte das Flughafenpersonal unkontrolliert den Sicherheitsbereich betreten. Mein Mechaniker in Chicago stellte fest, dass es für ihn ein Leichtes gewesen wäre, jede beliebige Menge an Sprengstoff in seinem Auto auf das Vorfeld zu transportieren. Aber die Show für die Passagiere war beeindruckend inszeniert.
Jeder Insider weiß es: es ist unmöglich, absolute Sicherheit herzustellen. Einzig die zuverlässige Planbarkeit wird durch die Kontrollen erschwert. Es gibt allerdings eine sinnvolle Maßnahme: Die Airlines müssen sicherstellen, dass sich wirklich nur die Koffer an Bord befinden, die zu einem Passagier an Bord gehören. Damit ist garantiert, dass sich ein möglicher Attentäter auch selbst mit seiner Bombe tötet. Aber auch hier wird deutlich, dass ein Attentäter, der bereit ist sein eigenes Leben zu opfern, kaum zu stoppen ist. Dennoch ist diese Maßnahme sinnvoll, denn sie kostet wenig, der Passagier wird nicht beeinträchtigt und hat eine größere Chance, sein Gepäck am Zielort vorzufinden.
Lufthansa betreibt dieses System seit den 80er Jahren sehr erfolgreich. Nach dem 11. September hat die amerikanische Regierung den US-Airlines vorgeschrieben, innerhalb eines halben Jahres auch diesen Standard zu erfüllen. Das haben sie nicht leisten können und erhielten deswegen ein halbes Jahr Verlängerung. Angeblich konnten diese dann den Vorschriften gerecht werden, aber in Airlinerkreisen weiß man, dass die Gepäckabfertigung in den USA nach wie vor unzuverlässig ist.
Am 11. September 2001 wurde in den USA ein absolutes Flugverbot verhängt. Ich saß also mit meiner Crew fünf Tage in Chicago fest. Nach vier Tagen erhielten die US-Airlines wieder Starterlaubnis – die ausländischen nicht. Zur Erinnerung: es waren US-amerikanische Flugzeuge, mit denen die Terroranschläge verübt worden waren. Erst nach massiven Protesten durften dann auch am nächsten Tag wieder ausländische Flugzeuge in den Luftraum der USA einfliegen. Allein das zeigt die Willkür so genannter Maßnahmen zur Erhöhung der Sicherheit.
In den USA war es bereits vor dem 11. September Vorschrift, die Tür zum Cockpit während des gesamten Fluges verschlossen zu halten. Das hat die Anschläge vom 11. September nicht verhindert. Dennoch weiteten die amerikanischen Behörden ihre Vorschrift der verschlossenen Cockpittür auf alle Airlines aus, die die USA anfliegen wollten. London folgte dem amerikanischen Beispiel. Aber es wurde noch besser. Die USA erließen eine Vorschrift, die jeglichen Cockpitbesuch während des Fluges verbot. Ich durfte also nicht einmal mehr meine Frau oder meinen Sohn oder einen guten Freund während des Fluges ins Cockpit bitten. Wie wenig sinnvoll eine solche Vorschrift im Sinn der Terrorabwehr nur sein kann, ist sofort ersichtlich. Dennoch gilt sie bis heute.
Des weiteren befahlen die Behörden der USA den Einbau von gepanzerten Cockpittüren. Lufthansa und die anderen Europäer kamen dieser Vorschrift umgehend nach und installierten wirklich solide Türen. Anders die amerikanischen Airlines. Ihnen genügte der Einbau eines Querriegels, der das designmäßig vorgesehene Eintreten der Tür sicher nicht verhindern konnte. Das NTSB hat das abgesegnet. Insgesamt wurden die außeramerikanischen Airlines immer wieder mit den absurdesten Maßnahmen schikaniert. So musste ich, ebenso wie meine europäischen Kollegen, zum Jahrestag des 11. September vor der amerikanischen Küste einen Vollkreis fliegen – das kostet zehn Minuten Zeit und Sprit – während die amerikanischen Flugzeuge von diesem Unsinn verschont blieben. Noch mal zur Erinnerung: Es waren amerikanische Flugzeuge, mit denen die Terroranschläge vom 11. September verübt worden sind.
Während dieser Tage wurde auch die Vorschrift erlassen, dass alle Passagiere eine halbe Stunde nach dem Start und vor der Landung ihre Sitze nicht verlassen dürfen. Welchen Sinn diese Anordnung haben soll, ist mir als Kapitän nicht ersichtlich, aber es gab tatsächlich amerikanische Kollegen, die eine Notlandung einleiteten, weil ein Passagier während dieser Zeit die Toilette aufsuchen musste. Dennoch kam gestern die Meldung, dass ab sofort in den USA alle Passagiere diesmal eine Stunde vor der Landung ihre Sitze nicht mehr verlassen dürfen. Nota bene: der verwirrte Afrikaner hat sich in seinem Sitz angezündet.
Die Betroffenen, die Crews, haben natürlich das Thema Security ausführlich diskutiert. Viel Ärger über sinnlose Schikanen ist dabei hochgekommen und letztlich hat sich eine Lösung herauskristallisiert: Die einzige Möglichkeit maximale Sicherheit herzustellen besteht darin, die Passagiere nur noch nackt an Bord zu lassen und während des Fluges auch so zu belassen. So humoristisch das jetzt anmuten mag, ist es tatsächlich die finale Lösung. Der so genannte „Nacktscanner“ ist nur die Vorstufe.
An dieser Stelle wird über deutlich, wie weit mit den Security-Maßnahmen die Menschenwürde angegriffen wird. Millionen braver und anständiger Menschen müssen sich täglich wie Schwerverbrecher behandeln lassen, nur weil sie ihr Grundrecht auf freie Bewegung wahrnehmen wollen. Mal dürfen sie keine Flüssigkeiten an Bord nehmen oder ein anderes mal müssen sie sich an die intimsten Körperteile fassen lassen, weil der Metallscanner nach dem Zufallsprinzip bei ihnen angeschlagen hat. Es ist tatsächlich so, dass die USA eine Vorschrift haben, dass während jeder Stunde eine bestimmte Anzahl manueller Überprüfungen durchgeführt werden muss. Um das sicherzustellen, wählt ein Zufallsgenerator beliebige Passagiere aus. Das Security-Personal hat absolute Macht. Da werden teure Salben aus Tuben gedrückt und vernichtet und wehe, der zu Unrecht verdächtigte muckt auf oder sagt ein unbedachtes Wort. Seinen Flug kann er dann sowieso vergessen, wenn er nicht direkt im Gefängnis landet.
Die Unschuldsvermutung, ein Grundpfeiler der demokratischen Gesellschaften, gilt nicht für einen Passagier. Auch nicht für einen Kapitän, wie ein entnervter Kollege in den USA kurz nach dem 11. September erfahren musste. Nach der fünften peinlichen Kontrolle bemerkte dieser völlig richtig, dass er auch in Unterhosen seinen Jet in ein Gebäude steuern könnte. Eine Kontrolle bei ihm ist also völlig unsinnig. Das brachte ihm einen fünftägigen Aufenthalt in einem Gefängnis ein. Weil er die Wahrheit gesagt hatte?
In den letzten Jahren war mehrmals zu beobachten, dass eine spezielle Maßnahme zur Terrorabwehr als unnötig eingestuft worden ist. Dafür wurde eine neue als notwendig erachtet. Gut, man darf dazulernen, aber die Abwicklung war ein Witz. Die Abschaffung der einen Maßnahme wurde auf ein bestimmtes Datum festgelegt und die Einführung der neuen auch. Das ist paradox. Entweder eine Maßnahme ist überflüssig, dann kann sie auch sofort eingestellt werden. Da muss nicht erst eine Frist verstreichen. Oder schlimmer anders herum, sie ist notwendig. Dann muss sie aber sofort in Kraft treten. Es kann nicht sein, dass sie erst ab einem bestimmten Datum notwendig werden wird. Dieses Verfahren zeigt, wie wenig die Erfinder von ihren eigenen Maßnahmen halten und dass die Passagiere mit dem Aufrechterhalten von Placebos schikaniert werden.
Terror hin oder her, aber wird mit den Antiterrormaßnahmen nicht viel mehr erreicht, als die Terroristen jemals vorhatten? Sie verändern unsere Gesellschaft. Die Menschen lassen sich immer mehr gefallen und geben bereitwillig ihre Menschenwürde auf. Es ist ja nur zu ihrem Besten, ist das Argument, das ich an anderer Stelle auch schon zu oft hören musste. Meistens ist es eben gar nicht zu ihrem Besten sondern dient ganz anderen Zwecken. Die Menschen werden scheibchenweise daran gewöhnt, sich von ihren Grundrechten und ihrer Würde zu verabschieden, ohne zu protestieren. Schließlich geschieht ja alles nur zu ihrem Besten. So, wie die Folgen des 11. September vor allem den Zielen der USA gedient haben, muss auch die Frage erlaubt sein, wem es denn nun dient, wenn der dilettantische Versuch einer Brandstiftung eines verwirrten Afrikaners zu weltweiter Hysterie aufgeblasen wird. Zumal allen Fachleuten klar sein dürfte, dass mit einer Unterhose, egal mit was sie getränkt ist, kein modernes Verkehrsflugzeug zum Absturz gebracht werden kann.
Die Angst vor dem Terror ist wieder in aller Munde und auch die Präsenz und Gefährlichkeit von Al Kaida hat eine neuerliche Bestätigung gefunden. Der ganzen Welt wird wieder einmal deutlich gemacht, dass der amerikanische „Krieg gegen den Terror“ nach wie vor seine Berechtigung hat. Ähnlich wie beim 11. September stellt sich auch in diesem Fall heraus, dass die amerikanischen Behörden sehr wohl rechtzeitige Warnungen erhalten hatten, jedoch nicht in der Lage waren, diese zur Verhinderung eines Vorfalls zu nutzen. Oder wollten sie das vielleicht gar nicht? Zu lange ist nichts spektakuläres passiert und die Menschen könnten den Kampf gegen den Terror vielleicht nicht mehr ernst nehmen? Da kommt die versuchte Brandstiftung eines Afrikaners gerade recht.
Verstehen Sie mich hier nicht falsch. Gerade als ehemaliger Flugkapitän begrüße ich jede sinnvolle Maßnahme zur Verbesserung der Flugsicherheit. Aber sie muss sinnvoll und angemessen sein ebenso, wie die Menschenwürde nicht einer scheinbaren Sicherheit geopfert werden darf. Ich könnte von vielen Erlebnissen berichten, wie meine persönliche Würde bei Kontrollen in den USA beschädigt worden ist. So wurde ich zum Beispiel in New York in voller Kapitänsuniform von fünf Mann der Security gezwungen, meinen Gürtel und meine Hose vor Hunderten von Zuschauern und meiner Crew zu öffnen, weil die metallene Gürtelschnalle logischerweise den Handdetektor zum Piepsen gebracht hat. Mein Einwand, dass dieselbe Handlung auf der fifth Avenue meine sofortige Verhaftung zur Folge haben würde, fand kein Verständnis.
Mein Appell an die Verantwortlichen lautet also: Überprüft alle Maßnahmen zur Security auf ihren Sinn und inwieweit sie mit der Menschenwürde vereinbar sind. Was dann übrig bleibt sollte konsequent und von gut bezahltem und gründlich ausgebildetem Personal durchgesetzt werden. An den Rest der Welt habe ich folgende Bitte: Lassen Sie sich nicht von künstlich aufgeblasenen Meldungen verunsichern. Nach wie vor gilt, dass es keinen sichereren Ort auf dieser Welt gibt, als an Bord eines Verkehrsflugzeugs einer renommierten Airline. Daran können auch wilde Geschichten über verwirrte oder vom Darm geplagte Afrikaner nichts ändern. Absolute Sicherheit gibt es nicht, nirgendwo, selbst dann, wenn die Passagiere nur noch nackt fliegen dürften. Hysterie und das Verbreiten von Angst sind die schlechtesten Berater für ein so sensibles Thema wie Flugsicherheit. Augenmaß und verantwortungsvoller Einsatz von Fachwissen sollten dafür sorgen, dass die Security-Maßnahmen auf ein sinnvolles Maß gebracht werden, das die Menschenwürde so wenig wie möglich in Frage stellt.
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Der Autor, Peter Haisenko, Kapitän i.R., hat mehr als 16.000 Stunden Flugerfahrung. Er hatte eine Lizenz für Kunstflug und Wasserflugzeuge. Er hat die Modelle B 727, B737, DC 8, DC 10, B747 und A340 verantwortlich geflogen.
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