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Der Herzschmuck Afghanistans

Von Dr. Joachim Spross
08.09.2010

Eines Tages kam Frau Schnehage auf mich zu und meinte, ob ich etwas von Archäologie verstehen würde. Ich erwiderte, dass ich wohl genügend Ruinen um mich herum sehen würde und selbstverständlich alle Wohnungswechsel in Deutschland genutzt habe, um in die jeweiligen ortsansässigen Museen zu gehen. Nein, meinte sie, es wäre Ernst. Viele der in der Provinz Kunduz zu sehenden Erdhügel (bis zu 30 m hoch) seien mal Burgen, Grabstätten oder Siedlungen gewesen, in denen die alten Schätze der frühasiatischen Kultur zu finden seien. Insbesondere in Chadarra aber auch an anderen Stellen würde beim Straßenbau, beim Wiederaufbau der Siedlungen oder bei anderen Erdarbeiten Münzen, verzierte Steine oder anderes (Gold) gefunden werden. Amphoren seien z.B. bei einem Schulneubau bei Erdarbeiten ausgegraben und zerstört worden, weil man Gold in den Gefäßen vermutete. Die meisten Schätze würden über die russische Grenze ins Nirgendwo verramscht werden.

„Herr Sproß“, meinte Frau Schnehage, „die Menschen haben 25 Jahre Bürgerkrieg erlebt; hier geht es ums nackte Überleben, da denkt man nicht an historische Dimensionen“. Ich beschloss, der Sache nachzugehen und fragte Dadgul, ob er mich mit Afghanen zusammenbringen könnte, die solche Gegenstände verkaufen würden. Nach langem Zögern erklärte er sich bereit und so traf ich bei einer Tasse Tee (Chai) eine Gruppe von Männern, die nach langem Zögern ihre Schätze ausbreiteten. Neben alten Vorderladern kamen Münzen u.a. mit dem Abbild Alexander des Großen und verzierte Steine und Goldschmuck zum Vorschein. Man versicherte mir, diese Sachen beim Hausbau gefunden zu haben. Ich beschloss, die Sachen zu fotographieren und bedankte mich bei Dadgul.

Bei meinem kurzen Zwischenstop in Hamburg besuchte ich Prof. Dr. Köpke, Direktor des Völkerkundemuseums. Ich kannte ihn von verschiedenen Anlässen und seine engagierte, mitreißende Art hat mich immer wieder gefesselt. Ich trug ihm mein Ansinnen vor und fragte ihn, wie man die archäologischen Schätze im Nordosten Afghanistans retten könnte. Er meinte, dass man in der Sache selbst entweder ein Museum einrichten oder aber zunächst die Dinge z.B. über die Bundeswehr sichern könnte, in dem man einen geeigneten Ort für die Schätze des Landes einrichte.

Meine Idee, im Wege der Ausleihe mittels eines offiziellen Vertrages mit den Provinzgouverneuren oder mit dem zuständigen Ministerium in Kabul die Fundstücke in deutschen Museen zu sichern, verwarf er mit Hinweis auf die mögliche Strafbarkeit solchen Tuns.  Er riet mir, zunächst einen politisch mächtigen afghanischen Schirmherrn zu suchen, bevor ich an weiteres denken würde. Mit Unterstützung der Kollegen u.a. aus München würde er sich gerne mit der Expertise des Völkerkundemuseums zur Verfügung stellen. Auch eine Wanderausstellung wäre denkbar. Er sprang in seiner engagierten Art und Weise auf und suchte nach einem Prospekt über das Völkerkundemuseum. „Leider nur noch in Deutsch da“, meinte er stirnrunzelnd, aber er strahlte: In dem Büchlein war auch eine ehemalige Ausstellung über einen Teilbereich Afghanistans zu sehen. „Das Bild über die Tadschiken zeigen Sie mal dem richtigen Mann“, meinte er.  Voll Elan verließ ich das Völkerkundemuseum.

Gesagt, getan. Bei meiner Rückkehr in Kunduz suchte ich bei nächster Gelegenheit General Daout (Tadschike), Kommandeur des IV. Korps und zuständig für alle vier Nordostprovinzen auf. General Daout (ca. 35 J. alt), in den westlichen Medien als Warlord bezeichnet, suchte einen Weg, um im neuen Afghanistan mit einer klaren beruflichen Perspektive anzukommen. Er hatte mich daher gebeten, ihn aufzusuchen, weil er  sich um die staatlichen Firmen im Nordosten kümmern wollte und plante, einen Wirtschaftsgipfel einzuberufen. Das sei ein anderes Mal erzählt. In diesem Gespräch sprach ich am Ende unserer Unterhaltung das Problem der archäologischen Funde an.

„Prima“, meinte er lachend, „ich zeige Dir ein Grundstück, auf dem Du ein Museum bauen kannst. Ich habe zufällig in den letzten Wochen von drei bis vier Kisten solcher Funde erfahren. Die geb ich Dir als Grundlage für das neue Museum, das von meinen Soldaten bewacht werden wird“.

Nun hatte ich ein kleines Problem, denn ich hatte kein Geld für eine solche Baumaßnahme. Daher erwiderte ich: „General, beim Militär ist es üblich, bevor man ein Ziel nimmt, dass man erst einmal erkundet und die Sache vorbereitet. Wir benötigen zunächst einen Experten, der sich die Dinge ansieht. Dann brauchen wir die Menschen, die freiwillig die Sachen abgeben und einen Schirmherrn, der die Verantwortung für diese Sachen übernimmt. Wer sich in diesen Tagen auch mit der Historie seines Landes beschäftigt, zeigt Weitblick und politische Verantwortung. Wenn alle diese Dinge getan sind, finden wir auch einen Donator“. Er sah mich nachdenklich an und meinte dann: „Was können wir nun tun ?“ Ich strahlte und übergab ihm einen von Mustafa in Dari vorbereiteten Brief, in dem er, General Daout, als Schirmherr für die archäologischen Funde auftritt.  Der General lächelte und meinte zu mir: „Ich habe mich schon immer für die Geschichte meiner Heimat interessiert. Aber lass mich einige Zeilen ändern.“ Er korrigierte den Brief, in dem nun eingangs zu lesen war:

„Mit tiefer Betroffenheit habe ich erfahren, dass gewissenlose Menschen sich des historischen Schmucks Afghanistans bedienen, um sich zu bereichern.  Mir ist, als wenn bei jedem Stück, das verkauft wird, ein Stück meines Herzens herausgerissen wird. Aus Liebe zu meinem Land Afghanistan übernehme ich die Schirmherrschaft über die historischen Gegenstände und werde jeden bestrafen, der sich bereichert. Das deutsche PRT bitte ich, mich dahingehend zu unterstützen, dass wir ein Museum bauen können, um allen Menschen den historischen Reichtums Afghanistans zu zeigen. Gez. General Daout.“

Mit diesem Schreiben ging ich nun zu dem Vertreter des Auswärtigen Amtes, der alles andere als amused war. Er versprach, die Sache zu prüfen, meinte aber unwirsch, das die Bundeswehr wohl kaum geeignet wäre, sich historischer Themen zu widmen. In seiner handschriftlichen Bemerkung schrieb er dem Kommandeur: „Wir sollten die Finger davon lassen“. Schade, ich erinnere mich an amerikanische Offiziere, die nach dem 2. Weltkrieg dafür gesorgt haben, dass deutsche Kulturgüter erhalten uns sicher aufbewahrt wurden, bis sie wieder Einzug halten konnten in unseren Museen.

Lesen Sie im nächsten Teil über Afghanistan:

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Grand Tourisme - Worldwide

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