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Die Glinder Autorennacht im Alten Gutshaus der Stadt Glinde findet am 28. September ab 20 Uhr statt.
Moderation:
Rena Larf.
Die Neuauflage der Prosa-Klassiker von Norbert Gisder. Mit der Geschichte „Die Maske der Schönen“, der Novelle „Mars ruft Venus“ und dem Roman „Amok – oder: Die Schatten der Diva“ hat Norbert Gisder der Deutschen Belletristik drei große, schillernde Werke hinzugefügt, die in jedem ernst zu nehmenden, deutschen Feuilleton Beachtung gefunden haben. In einer Sonderedition gibt die Reihe GT-E-Books für Leser dieses Magazins alle drei Prosastücke in einem Sammelband unter einem schillernden, vieldeutenden Bild neu heraus. „Glück im Schritt“ lautet der metapherndichte Titel.
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Schon bei einer Spende ab 10 Euro erhalten Sie alle drei Bücher im Gesamtwert von über 42 Euro in einem übersichtlichen Sammelband als E-Book. Nach Überweisung der Spende wird Ihnen der Link zum Download des neuen Werkes von Norbert Gisder zugesandt.
Norbert Gisder, "Glück im Schritt", Kurzgeschichte, Novelle, Roman, Edition GT-E-Books, 523 Seiten, 10,00 Euro.
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Die Nummer aus dem Jenseits - eine wahre Adventsgeschichte
Mein Name ist Eva Mendel. Die Geschichte, die ich Ihnen jetzt erzähle ist so unglaublich, dass Sie mich vielleicht für verrückt halten werden.
Ich kann es nicht ändern; genau so ist sie geschehen . . .
Vor drei Jahren hatte ich mir ein kleines Atelier in Hamburg-Winterhude eingerichtet. Ich hatte mich von meinem Mann scheiden lassen, nachdem unsere Ehe nach zehn Jahren gescheitert war. Da ich bereits vorher eine Weile mit Tempra auf Leinwand gemalt hatte und auch einige Bilder verkaufen konnte, war ich auf Ölfarbe umgestiegen, weil sich damit besser arbeiten ließ.
Da ich mich auf Portraits spezialisiert hatte, sprach sich mein Talent herum und ich konnte ganz gut davon leben. Zumindest reichte es aus, um die monatlichen Kosten zu decken.
Manchmal ging ich für ein paar Stunden auf einen Parkspielplatz in der Nähe, um mir frische Luft um die Nase wehen zu lassen. Ich mochte es, die Kinder beim Spielen zu beobachten, da mir ein eigener Kinderwunsch bisher in meiner Ehe unerfüllt geblieben war. Oft saßen auch Großeltern auf den Bänken rund um den Platz und schauten und lachten ihren Enkeln zu. Da ich meinen Zeichenblock immer dabei hatte, skizzierte ich den ein oder anderen von ihnen, nachdem ich freundlich um Erlaubnis gefragt hatte.
Ich mochte diese vom Leben geprägten Menschen, die tiefen Falten, welche die Gesichter zerfurchten und die von Mühsal und Lasten zeugten aber auch von Lebenserfahrung und Würde. Wenn ich sie zeichnete, sprachen wir miteinander, nicht selten erzählten sie aus ihrem Leben und vergaßen für einen Moment alle Gebrechen der Gegenwart. Besonders das Glänzen in ihren Augen faszinierte mich dabei, was sie mit den Kindern auf dem Spielplatz gemeinsam hatten.
Hin und wieder konnte ich eine der älteren Herrschaften überreden, mir in mein Atelier zu folgen, wo ich dann mit kräftigen Ölfarben auf weiß grundierten Hartfaserplatten arbeitete, weil diese billiger als Leinwand waren. Ein paar von den Bildern kauften sie selbst, eine Handvoll ließ ich mit ihrem Einverständnis in der Galerie einer Freundin in der City ausstellen, wo sie wegen ihrer zeitlosen Schönheit schnell Abnehmer fanden.
Eines Tages im Altweibersommer Ende September saß ich wieder auf meiner Bank an dem Spielplatz und beobachtete das quirlige Treiben.
Die Luft war durchzogen von glitzernden, hauchdünnen Spinnfäden, die dieser Jahreszeit ihren Namen gaben und zu einem zauberhaften Schauspiel der Natur machten.
Ich sah IHN an diesem Tag zum allerersten Mal.
Seine Stirn lag in krausen Falten. Er trug ein altes, graues Wams mit einem gestreiften Hemd und eine graue, zerschlissene Stoffhose. Sein graues Haar war strähnig nach hinten gekämmt und er trug erstaunlich blitzblank geputzte Lackschuhe. Er sah auf irgendeine Weise aus, wie nicht von dieser Welt, ein wenig abwesend, aber sein Gesicht strahlte trotz der furchigen Stirn Glück und ausgeglichene Freundlichkeit aus.
Ich war magisch angezogen.
Nachdem ich in jeder freien Minute auf den Spielplatz ging, um ihn heimlich zu beobachten, fasste ich mir nach einer Woche endlich ein Herz und fragte ihn nach seinem Namen und ob ich ihn zeichnen dürfte.
Sein Gesicht wurde ganz entspannt, und er erwiderte mit einem ganz besonderen Ausdruck, dass es ihm eine Freude wäre, wenn so eine bezaubernde junge Frau seinem alten Gesicht Aufmerksamkeit schenken wollte.
Er hieß Menachem und saß mir stundenlang zu einem bestimmten Zeitpunkt in meinem Atelier Modell. Nach drei Tagen taute er etwas auf und erzählte mir die Geschichte seines Lebens. Dazu gehörte auch, dass er mir seine eintätowierte Nummer auf dem Arm zeigte, die er 1944 im KZ Neuengamme erhalten hatte. Er war kein Freund vieler Worte.
Auch wenn er die Zahl 145789 als Brandmal auf seiner Seele trug, war es doch diese stille Freundlichkeit, die ihn prägte und sein Gesicht weich und gütig machte.
Nach zwei Wochen war ich mit dem Portrait Menachems fertig. Letzte Feinarbeiten waren abgeschlossen und ich wollte ihn am Nachmittag des 16. Oktober bei seiner Bank abholen und ihm das Ergebnis zeigen.
Mein Vater kam auf einen kurzen Sprung vorbei und wollte seinen Nachmittagskaffee mit mir trinken, so wie wir es jahrelang in meiner Ehe am Samstag getan hatten. Seit meine Mutter viel zu früh verstorben war, rückten wir durch dieses Ritual ganz nah aneinander, und seitdem ich geschieden war, brauchten wir diese Augenblicke der Zweisamkeit umso mehr.
Als mein Vater das Atelier betrat und das Ölbild mit Menachems furchigem Gesicht entdeckte, erstarrte er mitten in seiner Bewegung. Ein Zittern erfasste ihn vom Scheitel bis zur Fußsohle und er fragte mich aufgebracht, wer der Mann auf dem Bild sei.
Nachdem ich versuchte ihn zu beruhigen, erzählte ich ihm von dem Juden Menachem, den ich auf dem Parkspielplatz kennen gelernt hatte.
Mein Vater brach in Tränen aus und brachte lange kein Wort heraus. Dann erzählte er mir, dass ihn die Augen des alten Herrn an seinen Vater erinnerten, der am 16. Oktober 1944 Opfer des Holocaust geworden war. Ich selbst hatte meinen Großvater nur unter dem jiddischen Namen 'Zaide' aus Erzählungen meiner Eltern gekannt. Als mein Vater die Zahl 145789 auf seinem Arm entdeckte, verlor er vollends die Fassung. Es war die KZ- Nummer seines Vaters - die Nummer, anhand der er identifiziert worden war.
Ich wiegelte ab, dass dies doch gar nicht sein könne und er sich irren müsse. Mein Vater aber drängte mich, meinen Mantel überzuziehen und mit ihm in den Park zu gehen, dorthin zu der Bank, auf der ich mit Menachem verabredet war.
Wir waren durcheinander, innerlich zerrissen. Bedrückt und schweigsam gingen wir nebeneinander her. Als wir die Bank am Parkspielplatz erreichten, war Menachem nicht da.
Mein Vater sah mich enttäuscht an.
Dann erfüllte uns beide ein Schauder. Auf der Sitzfläche der Bank, dort, wo Menachem immer gesessen hatte, war die Nummer 145789 eingeritzt. Zuvor war sie dort nie gewesen.
Was uns blieb, war ein Bild eines alten, freundlichen, stillen Herrn mit einem gütigen Gesicht, einer zerschlissenen, grauen Stoffhose und blitzblank geputzten Lackschuhen.
~~~~
*Eventuelle Übereinstimmungen mit lebenden oder toten Personen oder tatsächlichen Ereignissen sind rein zufällig und unbeabsichtigt. (c) Rena Larf, 12/2009
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